Die PDA und ihr Einfluss auf die
Mutter-Kind-Beziehung
Veronika Eppensteiner
hat in Frankreich die Hebammenausbildung gemacht. Sie hat uns auf Band die Übersetzung eines Artikels "La péridurale change t'elle la relation mere - enfant. La nouvelle donne" von Philippe Thomine aus "Naître et grandir" Jan-März 1994 und eigene Erfahrungsberichte zur Verfügung gestellt. Dorothea Rüb hat versucht, das Material zusammenzufassen.
Der Artikel ist schon 6 Jahre alt. Da er auf die spezielle Situation in Frankreich eingeht, wo es 1994 schon eine höhere Rate von PDAs gab als heute in Österreich, hat er eine ungebrochenen Aktualität.
Nachdem es vor nicht allzu langer Zeit für Gebärende schwierig sein konnte, ausreichende Schmerzlinderung oder eine PDA zu bekommen, ist heute in Frankreich das Gegenteil der Fall. Die
systematisch durchgeführte PDA hat sich zu einem neuen gesellschaftlichen Phänomen entwickelt und eine entscheidende Veränderung der Geburt bewirkt.
1981 gab es in Frankreich 4%, 1989 schon 21% und 1993 zwischen 30 und 40%, 1999 ist eine Rate von 70-80% zu verzeichnen.
In Frankreich wurde vor kurzem ein Gesetz angenommen, das besagt, dass jede Frau in Frankreich einen Anspruch auf Epidurale hat. Getragen wurde dieses Gesetz von der Frauenbewegung in Frankreich, die verlangt hat, einen Anspruch auf diese schmerzstillenden Mittel zu haben.
Doch gibt es große regionale Unterschiede (auch bei uns in Österreich, siehe S. ). 1994 gab es in Paris schon über 80% PDA. Die meisten Frauen finden eine Geburt mit Epidurale ganz natürlich und sind damit auch zufrieden. Auf dem Land und in kleineren Häusern war und ist die Rate niedriger. Es stehen weniger Anästhesisten ständig zur Verfügung und der persönliche Kontakt zu Ärzten und Pflegepersonal steht mehr im Vordergrund. In Kliniken mit einem entsprechenden Personalstand von Anästhesisten kann es auch Druck bezüglich des Arbeitsplatzes für sie geben: sie brauchen genug Praxis, um ihre Stelle zu behalten bzw. Karriere zu machen.
Inzwischen ist es für eine Frau nicht leicht, eine PDA abzulehnen. Agnes, eine Kinderkrankenschwester, erzählt, dass im Krankenhaus schon vor der Geburt mit einem Film Promotion für die PDA gemacht wurde. Sie hat mit dem Partner bei einer Hebamme einen Geburtsvorbereitungskurs besucht und sich vorgenommen, ohne PDA zu gebären. Als sie mit Wehen ins Krankenhaus kam, hat die Hebamme die Blase eröffnet. Das Fruchtwasser war leicht missfärbig, was als Indikation für eine PDA gewertet wurde. Agnes fühlte sich deshalb einem starken Druck ausgesetzt. Eine Ärztin sagte ihr: "Wenn Sie es nicht für sich tun, tun Sie´s wenigstens für Ihr Kind!"
Nachdem das Kind trotzdem ohne Schmerzmittel auf die Welt gekommen war, gab es einen Eklat mit dem Primar, der sich über die "Hippies" auf seiner Abteilung beschwerte. Die Hebamme meinte danach, sie hätte lieber nicht die Blase öffnen sollen, dann wäre es wohl nicht zu dem Konflikt gekommen.
Sophie, eine Hebamme, sagt, es werde ein großer Druck auf die Frauen ausgeübt, eine PDA zu akzeptieren., Sie erlebt, dass der Syntotropf höher eingestellt wird, damit die Frau stärkere Schmerzen bekommt und dann doch zustimmt.
Nach ihrer Meinung sollten Frauen Fragen stellen und wissen, wie häufig eine Epidurale zur Anwendung kommt. Wenn das Personal hinter der systematischen Anwendung stehe, wäre es schwer, eine andere Art der Geburt zu wählen. Die PDA verstärke die Tendenz des Personals, die Geburt in die Hand zu nehmen. Ein Arzt hat einer Frau auf ihre Frage, wie die Geburt nun genau vor sich geht und was das auf sich hat mit den Wehen und den Schmerzen, geantwortet, dass sie das nicht wissen müsse, sie entbinde ja sowieso mit
PDA.
Sophie glaubt, dass die PDA trotz der Schmerzreduktion wie eine Gewalt gegen die Frauen eingesetzt werde: es wird öfter interveniert, mehr Infusionen, Vakuum, Zange, Sectiones kommen zum Einsatz. In Frankreich wird bei einer PDA noch mehr auf Sterilität geachtet als hier. Alle müssen Hauben und Mundschutz tragen, die Atmosphäre erinnert an eine Operation. Ein großer Vorteil ist, dass die Frau nach der Sectio gleich ihr Kind sehen kann.
Sophie sieht die Geburt als eine Art von Bewährung, eine wirkliche Arbeit für die Frau.
(franz. Wehen = travail = Arbeit). Die medizinische Seite muss gesichert sein, dass ist die Aufgabe des Personals. Sophie ist wütend darüber, dass die Hebamme nicht mehr die Mutter bei ihrer Geburtsarbeit begleitet, sondern zur Technikerin wird. Viele Kolleginnen halten das nicht aus. Die guten Hebammen verschwinden aus den Kreißzimmern und ziehen sich auf Geburtsvorbereitung u.ä. zurück.
Mit einer guten Geburtsvorbereitung könne man die PDA als Joker betrachten. Doch finden die meisten Frauen, wenn sie mit PDA entbinden wollen, eine Geburtsvorbereitung nicht nötig. Dabei brauchen gerade sie besonders die Geburtsvorbereitung, als eine Möglichkeit, Fragen zu stellen, über Ängste zu sprechen, sich auf die neue Lebenssituation einzustellen. Sophie steht der systematischen PDA sehr kritisch gegenüber.
Viele Hebammen und Ärzte sehen das ganz anders: Dank der PDA sei es viel ruhiger auf den Geburtenstationen geworden, es gibt keine Schreie und in der Beziehung zu den Frauen weniger Spannungen. Die Hebamme Corinne sagt: "Es ist viel angenehmer mit der PDA. Wir tun den Frauen nicht mehr weh, werden nicht mehr als die Bösen gesehen. Ich kann die Geburt so gestalten, wie es mir entspricht." Dass die Geburt für die Frau eine Art Bewährung, eine Prüfung sein soll, findet sie nicht wichtig.
Frau Dr. Moisson ist eine Pionierin, was die PDA angeht. In Saint Vincent-de Paul, dem Haus wo sie arbeitet, gibt es 90% PDA. Sie meint, die Frauen sind glücklich damit. Nur wenige klagen darüber, dass sie nichts gespürt haben, oder das Gefühl haben, dass sie nicht dabei waren.
Die PDA und die Einstellung zu Schmerz ist eine gesellschaftliche, aber auch sehr persönliche Frage.
15% der Frauen sagen nach der Geburt, es hat nicht wirklich weh getan, 35% beschreiben die Geburtsschmerzen als leicht bis mittel, 30 % geben starke und 20% unerträgliche Schmerzen an.
Eine wichtige Rolle hinsichtlich des Schmerzerlebens spielt bekanntlich die persönliche Unterstützung und die Freiheit, selbst eine Position wählen zu können. In Frankreich ist das so gut wie nie möglich, die Frauen müssen bei der Geburt liegen. Nur bei Hausgeburten und in wenigen kleinen Häusern sind andere Geburtspositionen möglich.
Veronika hat während ihrer vierjährigen Hebammenausbildung in Montpellier nur 2 mal eine Frau während mehrerer Stunden ohne medizinisches Eingreifen durch ihre Wehen begleiten können. Sie hat erst nach der Ausbildung ein Gefühl dafür bekommen, wie eine Geburt abläuft. Nach der französischen Ausbildung musste sie noch ein Jahr in Innsbruck anhängen, um ein offizielles EU-Diplom zu bekommen.
Der Gynäkologe Dr. Bernard Fonty betont die radikale Veränderung, die die Geburt nach 9 Monaten Einssein für Mutter und Kind bedeutet:
die entscheidende Separation, nach der sich Mutter und Kind als zwei getrennte Wesen gegenüberstehen. Dem geht die Wehenarbeit voraus, während der ganze Körper die Wehen spürt, die Geburt ersehnt, auch Aggressionen gegen das Kind auftreten können, das die Schmerzen verursacht und "endlich raus" soll.
Nach der Geburt muss die Frau erst einmal verschnaufen, braucht oft ein bisschen Zeit, bevor sie das Kind wirklich anschaut. Wenn etwas mit dem Baby gemacht wird, es z.B. abgesaugt werden muss, ist die wichtigste Frage: "Leidet es, wie geht es ihm dabei?"
Dr. Fonty hat in seinen Forschungsarbeiten festgestellt, dass Frauen, die mit PDA geboren haben, anders auf das Kind reagieren. Die Geburt und die damit verbundene Separation bleibt eher abstrakt, die für die Schwangerschaft typischen Ängste, die Suche nach dem perfekten Kind bleiben bestehen. Sind medizinische Maßnahmen nötig, ist die hauptsächliche Frage: "Wird es später Probleme haben oder machen?" Er glaubt aber, dass die Frauen mit Verzögerung sehr wohl zu Müttern werden. Menschen haben seiner Ansicht nach ein großes Adaptierungsvermögen.
Erschwert wird der erste Kontakt auch durch die Trennung von Mutter und
Kind. Es spricht sich zwar herum, dass die sensible Phase nach der Geburt wichtig ist, doch oft wird in Frankreich das Kind in den ersten Stunden nach der Geburt ins Wärmebett gelegt und nicht zum Körper der Mutter.
Nach Sophies Erfahrung sind die "PDA-Mütter" nach der Geburt ungeduldiger, was das Stillen, was z.B. Schmerzen mit der Naht, wunden Brustwarzen etc. angeht. Sophie kennt diese Ungeduld von der Geburt: Die Frauen hören Walkman, spielen Karten oder schlafen während der Wehen. Wenn sie die Frauen in der Austreibungsphase dazu bringen will, mehr mitzupressen, hört sie oft: "Dann holen Sie´s eben raus! Wie lang soll das denn noch gehen?" Die Geburt wird weniger zum Problem der Frau und mehr zum Problem des Personals. Die PDA fördert eine gewisse Konsumhaltung. Sophie und andere Kolleginnen glauben erraten zu können, welches Kind unter PDA auf die Welt gekommen ist, wenn sie ein Wöchnerinnenzimmer betreten: die Mütter hätten weniger Körperkontakt zum Baby.
Dr. Moisson verwehrt sich gegen diese Sicht. Sie meint, niemand hätte das Recht zu behaupten, dass die PDA eine Konsequenz auf die Mutter-Kind-Beziehung habe. Viele Ärzte sind der Ansicht, dass die Frau das Kind sogar besser in Empfang nehmen kann, wenn sie nicht gelitten hat. Sie fragen sich, wozu Schmerzen wohl gut sein sollen - für die Frau oder gar das Kind? Diese Ansicht würde nur das alte Bibelzitat zementieren. Außerdem kämen sie nur dem Wunsch der Frauen entgegen, die Frauen wollten ja die
PDA.
Der Autor glaubt, dass der Wunsch der Frauen sehr von der Art der Aufklärung
geprägt wird. Auch die Haltung der Gesellschaft und der Ärzte beeinflusst ihre Wünsche.
Wenn die Frage gestellt wird: "Wollen Sie Schmerzen haben bei der Geburt oder lieber eine PDA?" wird die Reaktion eine andere sein als wenn man fragt: "Wollen Sie etwas spüren, wollen Sie die Geburt selbst aktiv mitgestalten?" Schmerzen sind nie leicht. Manche Frauen schreien und schimpfen über die verdammten Wehen, und nach der Geburt ist alles vergessen. Andere empfinden die Schmerzen als ungerecht, schrecklich und inakzeptabel.
Viele Mediziner hätten Schwierigkeiten mit den Lauten der Gebärenden, die sich anhören können wie bei einem Orgasmus, mit der Intensität und Körperlichkeit der Geburt, mit Scham und ihrer Überwindung und ihren eigenen intimen Erinnerungen.
Die Psychoanalytikerin Livia Javor glaubt, dass viele Ärzte das Mysterium ihrer eigenen Herkunft verdrängt haben und Teile ihrer Seele vernachlässigen, In der Ausbildung lernt man nichts über die großen Fragen von Geburt und Tod. Es existiere eine unbewusste Schuld gegenüber der Mutter, die uns geboren hat. Frauen könnten durch ihren weiblichen Lebensweg und das eigene Mutterwerden anders damit umgehen als Männer. Die Schmerzausschaltung bei der Geburt durch die meist männlichen Ärzte sei ein Ausdruck für diese unbewusste unterdrückte Schuld.
Nach Frau Javor ist Geburtsvorbereitung für Ärzte und Hebammen wichtiger als für Schwangere - ein Psychoanalytiker müsse ja auch eine Lehranalyse machen. Menschen, die Geburtshilfe betreiben, sollten sich ihrer eigenen Geburt stellen und sie aufarbeiten.
Zum Schluss noch ein wirtschaftlicher Aspekt: der Anstieg der geburtshilflichen PDAs hat in den Jahren 1989 bis 1994 in Frankreich zu einer Kostensteigerung um 35-40% geführt.
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