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Schwangerschaft und
psychische Erkrankungen
Evelyn Gritsch
stellt die wichtigsten psychischen Erkrankungen in der
Schwangerschaft vor und hat in diesem
Zusammenhang auch ein Gespräch mit Dr.
Claudia Reiner-Lawugger geführt.
Die
Schwangerschaft ist ein von zahlreichen körperlichen und seelischen
Vorgängen geprägtes Lebensereignis. In einer
relativ kurzen Zeit ist die Frau mit vielen
Veränderungen in zentralen Bereichen ihres Lebens konfrontiert,
wie der Übergang vom Frau- zum Muttersein, ein
neues Körperbild, eine Umstrukturierung in der
Partnerschaft (aus einer Zweier- wird eine Dreierbeziehung),
eine Änderung im Arbeitsleben und oft auch der finanziellen
Situation. Um all diese Veränderungen
integrieren zu können, muss die Schwangere Anpassungsprozesse
leisten. So bedeutet Schwangerschaft nicht nur eine Zeit
des freudigen Erwartens, sondern auch eine Zeit voll von
Unsicherheiten und Ängsten. Die zahlreichen
neuen Anforderungen sowie die körperliche und
hormonelle Veränderung führen häufig zu Stimmungsschwankungen in
positiver wie in negativer Richtung. All diese
Faktoren können das Entstehen einer
psychischen Erkrankung begünstigen oder bei Frauen, die bereits vor der
Schwangerschaft psychische Probleme hatten, zu einer
Manifestation führen.
D epression
Die Depressive Verstimmung ist die
häufigste psychische Erkrankung in der
Schwangerschaft. Bei einer Depression handelt
es sich nicht um ein vorübergehendes
Stimmungstief, sondern um eine Veränderung von
Fühlen, Denken und Wollen über einen längeren
Zeitraum. Depressive Menschen erleben sich
selbst oft unfähig, die
alltäglichen Aufgaben zu bewältigen.
Die Betroffenen fühlen sich bedrückt,
verzweifelt, ängstlich, ohne dass man diese
Stimmung auf ein bestimmtes Ereignis
zurückführen könnte. Die Depression kann auch
körperliche Beschwerden verursachen und
verstärken.
Bei Schwangeren treten Depressionen vor
allem im 1. Trimenon (Anpassungsphase in der
Schwangerschaft, geprägt von zahlreichen
Veränderungen) und im letztem Trimenon
auf. Hier sind es vor allem die Angst vor der
Geburt, den Schmerzen und der bevorstehenden
Mutterrolle, die zur Entstehung einer
depressiven Verstimmung beitragen.
Symptome:
Antriebslosigkeit
Schlafstörungen
Konzentrationsschwäche
Mutlosigkeit
Müdigkeit
Ängstlichkeit
Suizidgedanken
Somatische Beschwerden:
Magenschmerzen,
Schulterschmerzen, Kopfschmerzen.
Behandlung:
Neben der medikamentösen
Behandlung, die vor allem
aus Antidepressiva und
Stimmungsaufhellern besteht,
ist auch Psychologische Betreuung,
Psychotherapie, verschiedene
Entspannungs- und Meditationsmethoden
zielführend. Bei Früherkennung und effektiver
Behandlung ist die Heilungsprognose bei
Depression bei 70-80%.
Angsterkrankungen
Angsterkrankungen können sich in der
Schwangerschaft bessern, unverändert
bleiben, aber auch verschlechtern. Zu den
Angstsyndromen zählen u.a. Angstneurosen,
Phobien, Panikattacken. Krankhafte Angst ist
charakterisiert durch ein Übermaß an Angst im
Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung und
durch die Intensität, mit der sie empfunden
wird. Die/der Erkrankte ist in ihrer/seiner
Lebensfreude zunehmend eingeschränkt. 80% der
Fälle von Panikattacken und Angststörungen
entwickeln sich nach einem schwerwiegenden
Lebensereignis wie Krankheit, Unfall,
Trennung oder plötzlicher Tod eines
Angehörigen.
Symptome:
Innere Anspannung
Angstschweißbildung
Beklemmungsgefühl
Schlafstörungen
Herzschmerzen
Schwindel
Atemnot bis hin zur Todesangst.
Behandlung:
Neben der medikatösen Therapie, vorwiegend mit
Antidepressiva, sind vor allem
psychotherapeutische Maßnahmen, Bewegungs- und
körperorientierte sowie Entspannungsverfahren
von großer Bedeutung. Unbehandelt besteht eine
starke Tendenz zur Dauererkrankung und
Ausweitung der Ängste auf alle Lebensbereiche.
Plötzliche Heilungen sind selten.
Psychose, Schizophrenie und bipolare Störungen
In der Schwangerschaft kommt es nur sehr
selten zu einer Neuerkrankung an einer
dieser schweren psychischer Krankheitsformen.
Bei der Mehrzahl der Schwangeren, die unter solch einer psychischen
Störung leiden, besteht die Erkrankung
schon vorher. Durch ein Absetzen der
Medikamente zum Beispiel kann sich die
Symptomatik des Krankheitsbildes jedoch wieder
massiv verstärken.
Psychose
Bei der Psychose leiden die Menschen unter
einer grundlegenden Veränderung des Denkens,
ihres Antriebs und ihrer Wahrnehmung. Die
Verhaltensweisen scheinen unpassend
(lachen über Trauriges usw.), hinzukommen oft
Wahnvorstellungen und Halluzinationen (man
hört oder sieht Dinge, die nicht real
existieren). Oft leiden die Betroffenen unter
Verfolgungswahn und fühlen sich von der
Umgebung abgelehnt und verfolgt. Die/der
Erkrankte hört z.B. Stimmen, die sie/ihn
beschimpfen, bedrohen oder Befehle erteilen.
Farben und Geräusche werden intensiver
wahrgenommen.
Schizophrenie
Während der Begriff ‚Psychose‘ eher den akuten
Prozess des Realitätsverlustes meint, dient
der Begriff ‚Schizophrenie‘ der allgemeinen
Bezeichnung von psychischen
Krankheitsverläufen mit psychotischen
Episoden. Diese Episoden, auch akute
Schizophrenie genannt, können auch für längere
Zeit verschwinden. In dieser Zeit ist der
Betroffene frei von psychotischen Symptomen.
Behandlung: Neuroleptika (durch die
Fachärztin für Psychiatrie verschrieben)
Psychotherapie
Bipolare Störung
Bei dieser psychischen Erkrankung (auch
bekannt unter dem Begriff „manisch-depressive
Erkrankung“) kommt es zu extremen Aktivitäts-,
Antriebs- und Stimmungsschwankungen außerhalb
des Normalniveaus in Richtung Depression oder
Manie. Die manische Phase ist gekennzeichnet
durch überdrehte Stimmung, verstärkten
Antrieb und Rastlosigkeit. In der depressiven
Phase dominiert ein verminderter
Antrieb, die Grundstimmung ist gedrückt. Bei
starker Ausprägung können auch psychotische
Symptome auftreten, es besteht auch ein
erhöhtes Suizidrisiko.
Behandlung: Neuroleptika und
Antidepressiva durch die Fachärztin f.
Psychiatrie verschrieben, Psychotherapie
Evelyn Gritsch im Gespräch mit Dr. Claudia Reiner-Lawugger, Leiterin
des Departments für perinatale Psychiatrie, Sozialmedizinisches
Zentrum Baumgartner Höhe am Otto-Wagner-Spital Wien
Wie hoch ist das Risiko, in der Schwangerschaft
an einer psychischen Störung zu
erkranken?
Das Erkrankungsrisiko ist in den einzelnen
Diagnosegruppen unterschiedlich. 10 bis 15 %
bei Depressionen, wobei hier auch
Anpassungsstörungen mit depressiver
Symptomatik dazuzurechnen sind, 1 Promille für
Psychosen.
Inwiefern wird eine psychische Erkrankung
durch die hormonelle Situation in der
Schwangerschaft beeinflusst?
Bei Psychosen wirkt sich die hormonelle
Veränderung in der Schwangerschaft positiv
aus. Östrogen hat eine psychoseprotektive
Wirkung. Deshalb sehen wir in dieser
Zeit kaum Psychosen. Durch die rasche
Hormonumstellung postpartal ist aber die Phase
nach der Geburt umso kritischer und es kommt
häufig zu Erkrankungen. Alle Frauen mit einer
Psychose in der Vorgeschichte gehören deshalb
sicherlich zu einer Risikogruppe.
Was sollte bei einer psychisch kranken
Schwangeren in Bezug auf die Gabe von
Psychopharmaka berücksichtigt werden? Wie ist
der Einfluss dieser Medikamente auf das Kind?
Man muss zwischen Schwangerschaft und
Stillzeit unterscheiden. Für die Zeit der
Schwangerschaft gelten strengere Regeln
als postpartal. Vor allem
phasenprophylaktische Medikamente (mood-stabilizer
– meistens Antiepileptika) und Tranquilizer
haben eine Risikopotential im ersten
Trimenon. In letzter Zeit häuft sich die Datenlage
von Patientinnen, die während der
Schwangerschaft Medikamente erhielten. Für
Neuroleptika und Antidepressiva ist die
Situation besser, obwohl es auch hier zu
Veränderungen kommen kann (pulmonale
Hypertonie bei SSRIs). Wichtig ist, dass die
Behandlung von FachärztInnen für Psychiatrie
durchgeführt wird, die Erfahrung in der
Behandlung Schwangerer haben. Es ist nicht
sinnvoll, Medikamente auf jeden Fall
abzusetzen, da wir bei chronischen
Patientinnen eine hohe
Rückfallwahrscheinlichkeit haben. Beim Stillen
ist das Risiko wesentlich geringer. Wenn eine
Frau Medikamente in der Schwangerschaft
genommen hat, kann sie auf jeden Fall stillen,
außer es gibt Probleme auf Seiten des Kindes
(z.B. Frühchen). An Kindern, bei denen wir den
Blutspiegel gemessen haben, konnten wir
sehen, dass sie nur geringste Spiegelwerte
aufgebaut hatten (ca 0,2 ng).
Welche psychischen Auswirkungen kann
eine psychische Erkrankung der Mutter auf das
Kind haben?
Mütter in psychischen Krisen können oft
nicht adäquat auf die Bedürfnisse ihrer
Kinder reagieren. Sie sind dabei häufig über-
oder unterreguliert, d.h. sie reagieren zu
viel oder zu wenig auf das Kind. Beides geht
an den Bedürfnissen des Kindes vorbei. Dadurch
kann es zur Entwicklung von so genannten
„Schreibabys“ kommen. Andererseits gibt es
auch depressive Symptome bei den Säuglingen.
Diese wirken sich allerdings erst nach einigen
Monaten aus. Deshalb ist eine Therapie der
Mutter auch immer eine Hilfe für das Kind.
Was ist Ihrer Meinung nach bei psychisch
kranken Frauen in Bezug auf die Geburt und
der Zeit danach zu beachten?
Psychisch kranke Frauen sollten in der
Zeit um die Geburt in einem guten
Versorgungsnetz betreut sein. Alle sollten
wissen, dass die Frau Medikamente nimmt oder
in psychiatrischer Betreuung ist. Gut wäre
natürlich auch ein Gespräch zwischen den
Berufsgruppen. Je offener und geplanter man
mit so einer Situation umgeht, umso leichter
der Umgang damit und umso geringer die Angst
davor.
Gibt es Faktoren, die ein frühzeitiges Erkennen
einer psychischen Erkrankung erleichtern,
bzw. würden Sie diesbezügliche
Schulungen durch Fachpersonal für sinnvoll
halten?
Schulungen halte ich natürlich für sehr
sinnvoll. In Wien gibt es bereits seit 2 bis
3 Jahren regelmäßige Fortbildungen zu
dem Thema. Das hilft natürlich sehr in der
aktuellen Arbeit, da diese Hebammen und
Schwestern vermehrt auf Symptome wie
Ruhelosigkeit, Schlafstörungen Ängste
aufmerksam werden können und die Angst
verlieren, die Patientinnen darauf
anzusprechen. Im Rahmen des Wochenbettes sind
am ehesten Psychosen und dekompensierte
Persönlichkeitsstörungen zu beobachten. Die
meisten anderen Störungen entwickeln sich erst
im Laufe der folgenden Monate.
Kann durch ein frühes Erkennen eine
Krisensituation vermieden werden?
Eines der ersten Symptome ist häufig
eine Schlafstörung. Oft ist es möglich,
durch Regulation des Schlafrhythmus eine
Verbesserung der psychischen Befindlichkeit zu
erreichen, ohne in eine schwerere Krise zu
kommen. Wichtig ist auch immer, psychische
Veränderungen anzusprechen, die einem bei
Patientinnen auffallen. Patientinnen sind
meistens dankbar, wenn jemand merkt, dass es
ihnen nicht gut geht. Oft schämen sie sich für
ihren Zustand und trauen sich nicht, von
selbst darüber zu sprechen.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen
psychischen Störungen in der Schwangerschaft
und dem Auftreten einer psychischen Erkrankung
post partum?
Hier muss man sicherlich verschiedene
Diagnosegruppen unterscheiden. Leichte
Anpassungsstörungen mit depressiver
Verstimmung, die gut in der Schwangerschaft
therapiert wurden, können in der Folge
symptomlos bleiben. Schwere Depressionen,
Angsterkrankungen und Psychosen müssen auf
jeden Fall nachbetreut werden, da hier ein
Rückfallrisiko gegeben ist. Oft ist auch noch
keine wirkliche Stabilität erreicht
worden.
Frauen mit Persönlichkeitsstörungen brauchen
sehr häufig lange Begleitung. Wir
betreuen alle Frauen, die wir
in der Schwangerschaft behandelt haben,
auch postpartal weiter.
Wie würden Sie die
Situation in Österreich beurteilen
? Gibt es genügend
Einrichtungen für psychisch kranke
Schwangere und junge Mütter?
Die Situation in Österreich
ist dzt. noch sehr unbefriedigend. Nach
wie vor gibt es nur eine psychiatrische
Abteilung (Waidhofen an der
Thaya), die sich auf die Behandlung von
Mutter und Kind spezialisiert
hat. In Wien gibt es im extramuralen
niederschwelligen Bereich viele
Betreuungsmöglichkeiten
(Eltern-Kindzentren etc.). Als spezialisierte
psychiatrische Einrichtungen gibt es
nur unsere Ambulanz. Wir arbeiten
sehr vernetzt mit der
Säuglingspsychosomatik des Wilheminenspitals
und anderen Einrichtungen zusammen.
Ich bedanke mich sehr herzlich für dieses
sehr umfangreiche und informative
Gespräch!
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