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ARCHIV: 16.JG, AUSG. 1/10, Februar 2010

Schwerpunkt
:
"
Macht und Selbstbestimmung"

 
Zur (Beg)Leitung in der Ausstreibungsphase:
Wer übernimmt das Steuer?


Muss die letzte Phase der Geburt von Anweisungen des geburtshilflichen Personals dominiert sein? Hier im Überblick die wichtigsten Erkenntnisse zum selbstgesteuerten Schieben von Tanja Liebl BSc.

Die übliche Anleitung einer Gebärenden in der Austreibungsphase - so, wie sie in der geburtshilflichen Literatur zu finden ist und uns auch in der alltäglichen Arbeit im Kreißsaal begegnet - entspricht nicht dem ureigensten und physiologischen Gebärverhalten. Die Gebärende erhält Anweisungen, die ihre Position und Körperhaltung, Atemweise und Presstechnik umfassen. Dies geschieht meist ungeachtet der  Empfindungen, die die Frau dabei verspürt: „Jetzt holen Sie tief Luft und halten diese an und dann pressen/ drücken Sie fest nach unten und wenn ich es Ihnen sage, dann machen Sie das Ganze gleich noch mal. Und dabei geben Sie den Kopf auf die Brust und lassen keine Luft entweichen.“
Bei meiner Arbeit als Hebammenstudentin im Kreissaal ist mir kein anderes Schema begegnet, die letzten Wehen und schlussendlich die Geburt des Kindes zu begleiten. Diese Routine motivierte mich dazu, diese Praktiken von einem wissenschaftlichen Blickwinkel aus zu betrachten und kritisch zu hinterfragen.
Es stellte sich mir die Frage, ob es eine Art physiologisches Gebärverhalten gibt und ob jede Gebärende zwangsläufig die Anleitung durch das geburtshilfliche Personal benötigt.

Physiologisches Gebärverhalten und spontanes Schieben

Zahlreiche Studien belegen und dokumentieren, dass es dieses vermutete physiologische Gebärverhalten gibt. Dieses unterscheidet sich in einigen Aspekten grundlegend von einem forcierten Power-Pressen. Die Dauer eines selbstgesteuerten Schiebeimpulses dauert zwischen vier und sechs Sekunden. Während einer Wehe wird eine Gebärende, die keine Instruktionen erhält, zwischen drei und fünfmal spontan schieben. Die Zeit zwischen den Schiebeimpulsen kann von mehreren Atemzügen begleitet werden1. Wird es einer Gebärenden zugestanden, dass sie selbstgesteuert schiebt, wird sie nicht zwangsläufig den Atem anhalten und die Stimmritze geschlossen halten.
Beobachtungen zeigten, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Die Gebärende wird die meiste Zeit mit offener Stimmritze und den dabei entstehenden Geburtstönen schieben und weniger mit geschlossener Stimmritze2. Eine Austreibungsphase, welche nicht durch die Anweisungen des geburtshilflichen Personals diktiert wird, stellt ein äußerst dynamisches Geschehen dar. Im Verlauf steigert sich die Anzahl der Schiebebemühungen pro Wehe, deren  Dauer und auch der Druck, welcher von der abdominellen Muskulatur ausgeht. Diese Beobachtungen zeigen in eindrucksvoller Weise, dass eine Gebärende, die keine Instruktionen von außen erhält und dazu ermutigt wird, ihren Körperempfindungen zu folgen, dies im Idealfall auch tun wird und ihr Kind mit eigener Kraft aus sich heraus schiebt.
 

Spontanes Schieben und Gebärposition

Eine weitere Komponente in der Anleitung der Gebärenden stellt die schlussendliche Geburtsposition dar. Es ist erfreulich, dass sich Gebärende in der Eröffnungsphase und der frühen Austreibungsphase weitestgehend frei bewegen können. Allerdings „endet“ die Mehrzahl der Geburten nach wie vor in Rücken- oder Seitenlage. Die Autorinnen Rossi und Lindell stellten fest, dass der Großteil der Gebärenden (70%) in einer Umgebung, in welcher keine Routinemaßnahmen ergriffen werden und der natürliche Geburtsprozess gefördert wird, selbstständig agiert und keine Hilfestellung benötigt. Dabei wird die Rückenlage am wenigsten oft eingenommen.
Vertikale und halbvertikale Gebärpositionen bringen einige Vorteile im Vergleich zur Rücken- und Steinschnittlage mit sich. Exemplarisch genannt sind dies die Ausnützung der Schwerkraft für den Geburtsvorgang, die Verstärkung der uterinen Kontraktionen, die bessere Verarbeitung der Wehen durch die Gebärende, eine begünstigte Hormonausschüttung, die Vermeidung des Vena-Cava-Syndroms und auch eine Verbesserung der mütterlichen Atmung3.
Die reflektorisch arbeitende Bauchpresse stellt neben den Kontraktionen der Gebärmutter und deren Retraktionsarbeit eine weitere Geburtskraft dar4. In der Rückenlage geht von der Bauchmuskulatur keine neuromuskuläre Aktivität aus, und es erfolgt keine Bereitstellung des Muskeltonus. Im Gegensatz dazu ist die intraabdominelle Druckverstärkung durch die Bauchpresse in vertikalen und halbvertikalen Gebärpositionen in Richtung Beckenboden effektiver.

 

Worte üben eine Wirkung aus

Die letzten Momente der Geburt sind zusätzlich zu der Aufforderung zum forcierten Power-Pressen oftmals von euphorischen und lautstarken „Anfeuerungs-Chören“ der Anwesenden gekennzeichnet. Hier erschwert die Verwendung des Vokabels ‘pressen’ eher den Geburtsvorgang. In seiner Übersetzung (lat. pressus) meint es gedrängt, gedrückt und zurückhaltend.
Die mechanische Bedeutung des Wortes ist ein Zusammendrücken und eine Formveränderung. Bezieht man dies auf die Levatoröffnung, so bewirkt dies eine unerwünschte Verkleinerung der Geburtsöffnung. Ebenso ungünstig ist das Wort ‘drücken’, denn um Druck auszuüben braucht man eine Gegenfläche.
Wenn auch vielleicht unbewusst, so impliziert dies aber einen festen Beckenboden gegen welchen gedrückt werden soll. Schieben’ hingegen ist ein Wort der Fortbewegung und der Lageveränderung. Es transportiert auch die Qualitäten öffnen und bewegen5. Gerade in der Geburtssituation sind die gebärenden Frauen suggestibel wie kaum sonst. Positive oder negative Leitworte spielen eine große Rolle.
Diese Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, dass das oft praktizierte Anleiten der Gebärenden in keiner Weise dem physiologischen Gebärverhalten entspricht, sondern ein Verhalten darstellt, welches von außen an diese herangetragen wird.
 

Gefährdet spontanes Schieben Mutter und Kind?

Oft wird befürchtet, dass ein selbstgesteuertes Schieben durch die Gebärende einen negativen Einfluss auf den Geburtsverlauf und den Zustand von Mutter und Kind ausübt. Vom heutigen Wissensstand aus gesehen stellt es jedoch für beide keine Gefährdung und gesundheitliche Beeinträchtigung dar, wenn spontanes und selbst gesteuertes Schieben in der Austreibung zugelassen wird. Die Dauer dieser Geburtsphase könnte verlängert sein, dieser Trend ist jedoch nicht eindeutig und bedeutet nicht zwangsläufig eine kindliche Beeinträchtigung.
Vielmehr häufen sich Forschungsergebnisse, die belegen, dass forciertes und angeleitetes Power-Pressen einen Nachteil für Mutter und Kind bedeutet. Insbesondere betrifft dies den mütterlichen Beckenboden und spätere Dysfunktionen als Folge des Power-Pressens. Eine kürzlich publizierte Studie bestätigt diese Vermutung und stellt fest, dass forciertes Pressen als Routine-Intervention die mütterlichen Beckenbodenstrukturen nachhaltig beeinträchtigt und möglicherweise kurz- und langfristige Konsequenzen zu Folge hat6.

 

Ein Blick in die Literatur

In der deutschsprachigen Forschung wird dieser Thematik bis dato äußerst wenig Beachtung entgegengebracht, und die dominierende Anleitung zum forcierten Pressen wird nicht in Frage gestellt. Dies spiegelt sich auch in den Standardlehrbüchern zur Geburthilfe wieder, wo es nur spärliche Hinweise darauf gibt, dass die Austreibungsphase anders als gewohnt gestaltet werden kann. Pschyrembel und Martius geben genaueste Anweisungen zur Anleitung, Lagerung und dem erwünschten Verhalten der Gebärenden und dass diese bei Nichtbefolgen dementsprechend belehrt werden soll7,8.
Insbesondere Pschyrembel definiert das Anleiten der Gebärenden als eine wünschenswerte und gute Eigenschaft der Hebamme: „Es ist die Sache der (guten) Hebamme, der Frau das „richtige” Mitpressen beizubringen, sie nicht schreien zu lassen, sondern sie zu lehren, die Wehe richtig auszunutzen und nicht früher mitzupressen, bis die uterine Wehe ihren Höhepunkt erreicht hat.“
In neueren Hebammenlehrbüchern ist eine gewisse Abweichung vom Althergebrachten zu verzeichnen. So findet sich im 'Hebammenbuch' der Hinweis darauf, dass sich die Gebärende die ihr angenehmste Position selbst suchen soll und dass manche Gebärende auch ohne Anleitung effizient mitschieben9.
Harder und Lippens gehen in der 'Hebammenkunde' auf die Anleitung der Gebärenden nicht direkt ein, sondern stellen fest, dass ein Teil dieser zum Mitschieben Anweisungen benötigt und besser mitschiebt, wenn die Luft dabei angehalten wird10. Im Gegensatz dazu stellen die britischen Autorinnen Fraser und Cooper in 'Myles Textbook for Midwives' fest, dass einem spontanen und nicht angeleiteten Schieben in der Austreibung der Vorzug gegeben werden soll. Sie betonen, dass wenige Gebärende Instruktionen brauchen und die Mehrheit ihren eigenen Schiebeimpulsen folgt. An dieser Stelle finden sich keine strikten Vorschriften, wie die Hebamme die Gebärende zu lagern und zu instruieren hat. Die Autorinnen unterstreichen die Rolle der Hebamme als einfühlsame und empathische Begleiterin, welche die werdende Mutter durch lobenden und mutmachenden Zuspruch unterstützt und sich im Hintergrund hält11.

Fazit

In einer physiologischen Austreibungsphase, die davon gekennzeichnet ist, dass es der Gebärenden zugestanden wird, nach ihren eigenen Empfindungen zu schieben, wird es kaum von Nöten sein, dieser Anweisungen zum „korrekten“ Pressen zu geben. Dem weiblichen Körper innewohnend ist eine Art „Gebärprogramm“, welches im günstigsten Fall in einer entsprechenden Atmosphäre und unter geeigneten Rahmenbedingungen aktiviert wird. Zu diesen Rahmenbedingungen zählt insbesondere eine empathische Begleitung durch alle Anwesenden, die sich der Normalität der Geburt verpflichtet sehen und die Fähigkeit der Gebärenden zur aktiven und selbstständigen Geburt anerkennen und wertschätzen.
Dies hat zur Folge, dass die Gebärende nicht „entbunden wird“ sondern ihr Kind aus eigener Kraft gebären wird. Natürlich gibt es Situationen, in denen Frauen mehr Unterstützung als andere brauchen und auf Anleitung angewiesen sind. Allerdings sollte auch hier das Vorgehen individuell angepasst sein und die jeweiligen Bedürfnisse und der Zustand von Mutter und Kind miteinbezogen werden. Gerade im Falle einer Periduralanästhesie beispielsweise kann es öfter notwendig sein, der Gebärenden direkte Instruktionen zu geben, wenn diese die körpereigenen Schiebeimpulse nicht oder nur unzureichend verspürt. Dabei sollte betont werden, dass das passive Tiefertreten des kindlichen Köpfchens auch hier im Vordergrund steht und die Dauer des aktiven, forcierten Pressens kurz gehalten wird.
An die Hebamme stellt eine Austreibungsphase, welche weitestgehend durch die Gebärende und ihre Bedürfnisse vorgegeben ist, eine besondere Anforderung. Sie gibt die Position der Dirigentin zu Gunsten der Rolle einer wachsamen und empathischen Begleiterin ab. Es gilt, die Stärken, Ressourcen und Fähigkeiten in den eigenen Körper und schlussendlich in die eigene Person zu stärken und zu fördern.
Es wäre wünschenswert, wenn Hebammen als Fachfrauen für die physiologische Geburt die Gebärenden in diese Richtung gehend unterstützen und es ermöglichen, dass diese ein positives Geburtserlebnis, geprägt von der eigenen Kompetenz zu gebären, erfahren können.
 

Literatur

1Caldeyro-Barcia, R. et al.: The Bearing-down Efforts
and their Effects on Fetal Heart Rate, Oxygenation
and Acid Base Balance, in: Journal of
Perinatal Medicine, 9 (suppl 1), 1981, S. 63-67.

2Rossi, M. A./Lindell, S. G.: Maternal Positions and
Pushing Techniques in a Nonprescriptive Environment,
in: Journal of Obstetric, Gynecology
and Neonatal Nursing, 15/3, 1986, S. 203-208.

3Kuntner, L.: Das Gebärverhalten der Frau. Ethnomedizinische
Betrachtungen, in: Tanzberger,
R./Kuhn, A./Möbs, G. (Hrsg.):Der Beckenboden - Funktion, Anpassung und
Therapie, München, 2004, S. 174-182.

4Heller, A.: Schieben - ein natürliches und schonendes
Gebärverhalten, in:
Die Hebamme, 17, 2004, S. 22-31.

5Tanzberger, R.: Beckenboden und Beckenring in
der Schwangerschaft und unter der Geburt, in:
Tanzberger, R./Kuhn, A./Möbs, G. (Hrsg.): Der
Beckenboden - Funktion, Anpassung und Therapie,
München, 2004, S. 182-19.

6Bloom, S. L. et al.: A randomized trial of coached
versus uncoached maternal pushing during the
second stage of labor, in: American Journal of
Obstetrics & Gynecology, 194, 2006, S. 10-13.

7Pschyrembel, W.: Praktische Geburtshilfe für Studierende
und Ärzte, 4. Aufl., Berlin, 1955.

8Martius, G.: Geburt, in: Martius, G. (Hrsg.): Hebammenlehrbuch,
2. Aufl., Stuttgart, 1971, S. 239-276.

9Mändle, C.: Betreuung und Leitung der regelrechten
Geburt, in: Mändle, C./Opitz-Kreuter, S./Wehling, A. (Hrsg.): Das Hebammenbuch.
Lehrbuch der praktischen Geburtshilfe, Stuttgart,
2003, S. 236-263.

10Harder, U./Lippens, F.: Geburtsleitung und Betreuung
der Gebärenden in der Austreibungsperiode,
in: Geist, Ch./Harder, U./Stiefel, A. (Hrsg.):
Hebammenkunde. Lehrbuch für Schwangerschaft,
Geburt, Wochenbett und Beruf, 3. Aufl.,
Stuttgart, 2005, S. 263-273.

11Fraser, D.M./Cooper, M.A.: Myles Textbook for
Midwives, 14. Aufl., Edinburgh, 2003.
 

Tanja Liebl BSc.
hat Anfang Oktober 2009
ihre Hebammenausbildung an
der FH JOANNEUM in Graz abgeschlossen.
Dieser Beitrag geht auf ihre zweite Bachelor-Arbeit
zurück. Diese Arbeit wurde für den Penaten FH-Hebammen Award 2010 nominiert.
Kontakt: tliebl@gmx.at.

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Der Mythos vom schwachen Geschlecht

Von Frauen, Männern, Macht und Ohnmacht

Macht ist immer und überall. Ebenso zahlreich sind die Mythen über Macht im Allgemeinen und über Frauen und Macht im Besonderen. Diese näher zu untersuchen, findet Antonia Cicero spannend und nützlich.

Ohnmacht. Machtapparat. Allmacht. Machterhalt. Machtmissbrauch. Machtgeil. Machtkampf. Bei vielen Leserinnen werden  der vielen Mythen und Glaubenssätze unter die Lupe nehmen und eingehender auf ihren Wahrheitsgehalt untersuchen.



 

Mythos Nr. 1: Macht gibt´s ja gar nicht bzw. es gibt einen machtfreien Raum.

Macht ist immer und überall - und sie wirkt sich auf alle aus. Wir alle haben ständig mit Macht zu tun, wir sind ihr ausgesetzt, setzen sie ein, verhandeln sie tagtäglich neu - im Beruf, in der Familie, im Alltag. Macht ist schlicht - wie etwa Kommunikation - alltägliches und allgegenwärtiges Werkzeug, Mittel zum Zweck, Teil unserer Menschlichkeit. Nach einer weit verbreiteten Definition des Wortes bezeichnet Macht die Fähigkeit von Individuen und Gruppen, auf das Verhalten und Denken von anderen Personen oder Gruppen einzuwirken, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Ob in Paarbeziehungen oder Familien, ob mit FreundInnen oder Verwandten, im Umgang mit KollegInnen, Vorgesetzten und MitarbeiterInnen - jede Beziehung zwischen Personen, Gruppen und Organisationen ist auch eine Machtbeziehung. Gleichzeitig entsteht Macht nur dann, wenn es eine Beziehung zwischen den AkteurInnen (also handelnden Personen oder Gruppen bzw. Organisationen) gibt. Macht entsteht als Resultat einer Interaktion, eines Austausches zwischen den Beteiligten.

Die Machtbeziehung wird in jeder Interaktion neu verhandelt. Das passiert unentwegt, wenn auch meistens unbewusst. Macht ist also nicht etwas, was eine Person „hat“ oder „nicht hat“, sondern etwas, was zwischen Personen entsteht, geschieht und immer wieder aufs Neue Veränderungen unterworfen ist.
Bei Macht handelt sich um einen grundlegenden sozialen Aspekt, welcher in allen Bereichen menschlichen Zusammenlebens eine Rolle spielt. Das Verhalten von Individuen in Gruppen oder Organisationen und von Gruppen und Organisationen untereinander führt zum Entstehen von Strukturen, in denen auch unterschiedliche Machtpositionen entstehen.

Wenn jede Beziehung auch einen Machtaspekt hat, bedeutet das gleichzeitig, dass es keinen machtfreien Raum gibt. Das heißt nicht, dass alle Beziehungen automatisch asymmetrisch sind. Es gibt auch symmetrische Beziehungen, also Beziehungen ohne „Oben“ und „Unten“. Um diese Symmetrie aufrechtzuerhalten oder zumindest über längere Zeiträume auszugleichen, bedarf es aber Bemühungen aller Beteiligten.

Mythos Nr. 2: Macht ist böse.

Macht ist an sich weder gut noch schlecht. Macht existiert immer, sobald Menschen interagieren und Beziehungen existieren. Es geht darum, wie Personen mit den allgegenwärtigen Macht-Beziehungen umgehen bzw. diese Macht ausüben. Nicht Macht kann mit Begriffen wie gut oder böse bewertet werden, sondern nur der Umgang damit durch die handelnden Personen bzw. die Ziele, die sie verfolgen. Wie ein Messer kann Macht als Werkzeug eingesetzt werden, um zu verletzen oder zu heilen. Aber: Wer das Werkzeug böse findet, der kann auch nichts Gutes damit tun.
 

Mythos Nr. 3: Macht führt immer zu Konflikten.

Macht kann zu Konflikten führen, muss es aber nicht. Konflikte entstehen in erster Linie dann, wenn die Macht-Beziehung, die zwei Personen oder Gruppen miteinander haben, von den beiden Seiten unterschiedlich gesehen oder interpretiert wird. Sowohl Unterordnung („Ich bin klein, arm und schwach, also bist du für mich verantwortlich und nicht ich für mich.“) als auch Überordnung („Ich bin hier der Chef bzw. die Chefin, also kann ich hier machen, was ich will und du hast hier gar nichts zu melden.“) kann zurückgewiesen werden: „Ich sehe das anders, ich bin für mich verantwortlich und du für dich selbst, ich kann mir vorstellen, dich in gewissen Bereichen zu unterstützen, aber die Verantwortung für dich kann und will ich dir nicht abnehmen.“ bzw. „Auch eine hierarchisch höhere Position gibt niemandem das Recht, andere schlecht zu behandeln.“

Wenn es aber Einigkeit über die Beziehung gibt, die „Macht-Verhältnisse“ also für alle Beteiligten passen, kann Macht auch konfliktfrei eingesetzt werden. Wenn eine von zwei Hebammen erfahrener und kompetenter ist als die andere, können sich beide dieses Faktums bewusst sein. Damit werden Entscheidungen, die die Kompetentere fällt, von beiden akzeptiert werden, ohne dass damit negative Emotionen oder Konflikte einhergehen. Im besten Fall sind beide zufrieden mit ihrer Zusammenarbeit und können die Ressourcen von beiden besser nutzen.

Mythos Nr. 4: Gegen Macht kann ich halt nichts machen, wenn ich selbst nicht mächtig bin.

Wenn eine Hebamme als Mitarbeiterin in eine Organisation, z. B. ein Krankenhaus, eintritt, akzeptiert sie damit - wie alle anderen MitarbeiterInnen des Krankenhauses auch - prinzipiell, dass sie in dieser Organisation gewisse Machtstrukturen vorfindet, denen sie sich unterwirft. Sie erkennt Hierarchien, Regeln etc., die ja zum Teil auch durch aus sinnvoll sein können, prinzipiell an.
Sie ist also einerseits konfrontiert mit formalen Machstrukturen, eben diesen Funktionen, Hierarchien, Regeln, Dienstordnungen etc., die von einzelnen nur schwer und in Teilbereichen verändert werden können. Sie weiß, dass es Personen gibt, von denen sie Anweisungen erhält, welchen sie Folge leistet, und dass sie wiederum anderen Anweisungen erteilen kann. Damit ist eine potenzielle Machtbeziehung entstanden, noch bevor die erste Interaktion, das erste Gespräch stattfindet.
Denn Macht setzt voraus, dass die an der Machtbeziehung beteiligten Personen - sowohl die Machtausübenden als auch die Machtunterworfenen - diese Beziehung er- und anerkennen.
Gleichzeitig findet sie auch immer informelle Machtstrukturen unabhängig von offiziellen Funktionen vor: Wer kennt wen wie gut? Wer findet wen sympathisch, wer hat mit wem Konflikte, wer konkurriert mit wem? Wer hat zu wem Vertrauen? Wer weiß wie viel, worüber oder über wen? Wer hält wen für kompetent? Wer hat Zugang zu Informationen oder Ressourcen und kann diese auch weiterverteilen? Wer ist HüterIn von Traditionen oder Werten? Wer kümmert sich um andere? Wer sorgt für Spaß, Motivation, Konfliktlösung etc.?
In diesem informellen Bereich, dessen Machtstrukturen sich fast immer von den formalen Machtstrukturen unterscheiden, liegen weit mehr Möglichkeiten, selbst mächtig zu werden und Macht einzusetzen - denn hier gibt es zwar auch immer bereits vorhandene Strukturen, die man aber beeinflussen darf und soll! Immer aber gibt es auch einen Spielraum, wie formale und informelle Macht eingesetzt, ausgeübt, akzeptiert wird. Einer Anweisung, die einer Person sinnvoll erscheint, in ihren Kompetenzbereich fällt und die ihr in Form einer wertschätzenden Kommunikation übermittelt wird, wird sie eher Folge leisten als einer Anweisung, die ihr sinnlos oder gar gefährlich erscheint und die ihr in barsch-autoritärem Tonfall erteilt wird - zumindest dann, wenn sie sich bewusst ist, dass dieser Verhandlungsspielraum existiert und sie ihn nützen kann.
 
Mythos Nr. 5: Macht ist ein patriarchales / männliches Phänomen.

Macht an sich ist natürlich keine rein männliche oder patriarchale Erscheinung. Zu allen Zeiten haben sowohl Männer als auch Frauen Macht ausgeübt. Die Möglichkeiten und Formen der Machtausübung waren aber in den verschiedenen Epochen oft höchst unterschiedlich. So waren über lange Zeiträume die Möglichkeiten von Frauen, formale Machtpositionen in der Öffentlichkeit auszuüben, beschränkt. Viele Institutionen wie etwa das Krankenhaus, sind zu Zeiten entstanden, in denen Frauen der Zugang zu formalen Machtpositionen verwehrt war. Das wirkt sich heute noch aus. Noch immer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann mit einem weißen Kittel als Autorität angesehen wird, höher, als dies bei Frauen zutrifft. Noch immer sind die - festgelegten und ungeschriebenen - Spielregeln, die in Organisationen herrschen, Spielregeln, die von Mächtigen für Mächtige entworfen worden sind (Ich erinnere an die Frage „Wem nützt´s?“). Und die Mächtigen, die Einfluss auf die Entwicklung und Veränderung von Strukturen und Regeln haben, waren und sind immer noch mehrheitlich männlich.
Bis zu einem gewissen Maß stehen also Frauen heute vor der Aufgabe, die vorhandenen Machtspiele zu durchschauen und sich zu überlegen, welche dieser Spiele sie mitspielen wollen, welche sie sich zunutze machen und welche sie vermeiden wollen. Das heißt nicht zuletzt auch, sich zunehmend mehr formale Machtpositionen, also Führungsfunktionen, zu erkämpfen.
Und die formale Macht, die sie damit gewinnen, dafür einzusetzen, neue Rollenbilder zu entwickeln und ein Klima mitzuentwickeln, das für machtvolle Frauen förderlicher ist als das existierende.
 


Mythos Nr. 6: Macht ist unweiblich.

Frauen und Männer sind nicht gleich. Aber das sind Männer untereinander und Frauen untereinander auch nicht. Im Zuge unserer Sozialisation erwerben wir in vielen Aspekten Glaubenssätze über Frauen und Männer, die letztlich den Gleichungen weiblich = nicht-männlich und männlich = nicht-weiblich entsprechen. Diese Glaubenssätze können für Frauen (und auch für Männer) in manchen Bereichen zur Falle werden.
Wenn Macht immer noch vor allem mit Männern und Männlichkeit assoziiert wird, liegt der Schluss nahe, dass Macht (oder aber zumindest bestimmte Formen der Macht) als „unweiblich“ angesehen werden. Natürlich gewinnen Männer auf den ersten Blick mehr, wenn sie mächtig sind. Sie müssen oft weniger darum kämpfen (Frauen müssen immer noch mehr für ihre berufliche Karriere leisten), nicht so viel dafür aufgeben (es gibt immer noch mehr Ehefrauen und Partnerinnen, die sich mit wenig Beziehungszeit und Anerkennung bescheiden als Ehemänner und Partner. Und es gibt immer noch Rahmenbedingungen, die Führungspositionen und Familie für Frauen weniger vereinbar machen). Sie werden dafür weniger angefeindet und gewinnen durch mehr Macht an „Sex-Appeal“, was für Frauen - noch? - gar  nicht zutrifft.
Vielleicht erleichtert da die Rückbesinnung auf schon lange existierende machtvolle weibliche Rollen. So werden Frauen mächtige Rollen wie die „Hüterin der Werte“ oder die „Versorgerin“ durchaus zugestanden. Typisch männliche Rollen wie der „Patriarch“, der „große Organisator“, der „Experte“ finden seltener weibliche Pendants. Wenn es Frauen gelingt, ihr Rollenrepertoire zu verbreitern und sich und anderen Frauen eine Vielzahl an machtvollen Positionen und Rollen zugestehen, werden sich Beziehungen, Organisationen und die Gesellschaft verändern.


Ein Resümee - oder wie Frauen zu Macht kommen:

• Erstens und unabdingbar: Akzeptieren, dass Macht existiert und wirkt. Die Realität zu leugnen, bringt nur Nachteile. Und sich mit der eigenen Macht anfreunden.
• Zweitens und immer sinnvoll: Macht und ihre Mechanismen durchschauen. Wie verhalten sich Mächtige - Frauen wie Männer? Welche Verhaltensweisen und Strategien sind erfolgreich, wie kann man mächtig werden und bleiben? Was kosten und bringen der Gewinn und der Einsatz von Macht?
• Zuletzt: Die vorhandene Macht nützen, sich die eigene Wirkung bewusst zu machen, selbstbewusst dazu stehen, Macht zu wollen und Macht einzusetzen - und das nicht zuletzt dafür, die Bedingungen für Frauen in Bezug auf Macht zu verbessern.
 

Antonia A. Cicero
Jahrgang 1964, lebt und arbeitet in
Wien als Trainerin, Supervisorin, Mediatorin
und Fachbuchautorin. Mit dem
Thema „Macht“ beschäftigt sie sich
schon seit langem und findet es immer
noch faszinierend.
Kontakt: www.iconweb.at
antonia.cicero@gmx.at


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