Ein Blick in die Literatur
In der deutschsprachigen Forschung wird dieser Thematik bis dato
äußerst wenig Beachtung entgegengebracht, und die dominierende Anleitung
zum forcierten Pressen wird nicht in Frage gestellt. Dies spiegelt sich
auch in den Standardlehrbüchern zur Geburthilfe wieder, wo es nur
spärliche Hinweise darauf gibt, dass die Austreibungsphase anders als
gewohnt gestaltet werden kann. Pschyrembel und Martius geben genaueste
Anweisungen zur Anleitung, Lagerung und dem erwünschten Verhalten der
Gebärenden und dass diese bei Nichtbefolgen dementsprechend belehrt
werden soll7,8.
Insbesondere Pschyrembel definiert das Anleiten der Gebärenden als eine
wünschenswerte und gute Eigenschaft der Hebamme: „Es ist die Sache der
(guten) Hebamme, der Frau das „richtige” Mitpressen beizubringen, sie
nicht schreien zu lassen, sondern sie zu lehren, die Wehe richtig
auszunutzen und nicht früher mitzupressen, bis die uterine Wehe ihren
Höhepunkt erreicht hat.“
In neueren Hebammenlehrbüchern ist eine gewisse Abweichung vom
Althergebrachten zu verzeichnen. So findet sich im 'Hebammenbuch' der
Hinweis darauf, dass sich die Gebärende die ihr angenehmste Position
selbst suchen soll und dass manche Gebärende auch ohne Anleitung
effizient mitschieben9.
Harder und Lippens gehen in der 'Hebammenkunde' auf die Anleitung der
Gebärenden nicht direkt ein, sondern stellen fest, dass ein Teil dieser
zum Mitschieben Anweisungen benötigt und besser mitschiebt, wenn die
Luft dabei angehalten wird10. Im Gegensatz dazu stellen die
britischen Autorinnen Fraser und Cooper in 'Myles Textbook for Midwives'
fest, dass einem spontanen und nicht angeleiteten Schieben in der
Austreibung der Vorzug gegeben werden soll. Sie betonen, dass wenige
Gebärende Instruktionen brauchen und die Mehrheit ihren eigenen
Schiebeimpulsen folgt. An dieser Stelle finden sich keine strikten
Vorschriften, wie die Hebamme die Gebärende zu lagern und zu instruieren
hat. Die Autorinnen unterstreichen die Rolle der Hebamme als einfühlsame
und empathische Begleiterin, welche die werdende Mutter durch lobenden
und mutmachenden Zuspruch unterstützt und sich im Hintergrund hält11.
Fazit
In einer physiologischen Austreibungsphase, die davon
gekennzeichnet ist, dass es der Gebärenden zugestanden wird, nach ihren
eigenen Empfindungen zu schieben, wird es kaum von Nöten sein, dieser
Anweisungen zum „korrekten“ Pressen zu geben. Dem weiblichen Körper
innewohnend ist eine Art „Gebärprogramm“, welches im günstigsten Fall in
einer entsprechenden Atmosphäre und unter geeigneten Rahmenbedingungen
aktiviert wird. Zu diesen Rahmenbedingungen zählt insbesondere eine
empathische Begleitung durch alle Anwesenden, die sich der Normalität
der Geburt verpflichtet sehen und die Fähigkeit der Gebärenden zur
aktiven und selbstständigen Geburt anerkennen und wertschätzen.
Dies hat zur Folge, dass die Gebärende nicht „entbunden wird“ sondern
ihr Kind aus eigener Kraft gebären wird. Natürlich gibt es Situationen,
in denen Frauen mehr Unterstützung als andere brauchen und auf Anleitung
angewiesen sind. Allerdings sollte auch hier das Vorgehen individuell
angepasst sein und die jeweiligen Bedürfnisse und der Zustand von Mutter
und Kind miteinbezogen werden. Gerade im Falle einer Periduralanästhesie
beispielsweise kann es öfter notwendig sein, der Gebärenden direkte
Instruktionen zu geben, wenn diese die körpereigenen Schiebeimpulse
nicht oder nur unzureichend verspürt. Dabei sollte betont werden, dass
das passive Tiefertreten des kindlichen Köpfchens auch hier im
Vordergrund steht und die Dauer des aktiven, forcierten Pressens kurz
gehalten wird.
An die Hebamme stellt eine Austreibungsphase, welche weitestgehend durch
die Gebärende und ihre Bedürfnisse vorgegeben ist, eine besondere
Anforderung. Sie gibt die Position der Dirigentin zu Gunsten der Rolle
einer wachsamen und empathischen Begleiterin ab. Es gilt, die Stärken,
Ressourcen und Fähigkeiten in den eigenen Körper und schlussendlich in
die eigene Person zu stärken und zu fördern.
Es wäre wünschenswert, wenn Hebammen als Fachfrauen für die
physiologische Geburt die Gebärenden in diese Richtung gehend
unterstützen und es ermöglichen, dass diese ein positives
Geburtserlebnis, geprägt von der eigenen Kompetenz zu gebären, erfahren
können.
Literatur
1Caldeyro-Barcia, R. et al.: The Bearing-down
Efforts
and their Effects on Fetal Heart Rate, Oxygenation
and Acid Base Balance, in: Journal of
Perinatal Medicine, 9 (suppl 1), 1981, S. 63-67.
2Rossi, M. A./Lindell, S. G.: Maternal
Positions and
Pushing Techniques in a Nonprescriptive Environment,
in: Journal of Obstetric, Gynecology
and Neonatal Nursing, 15/3, 1986, S. 203-208.
3Kuntner, L.: Das Gebärverhalten der Frau.
Ethnomedizinische
Betrachtungen, in: Tanzberger,
R./Kuhn, A./Möbs, G. (Hrsg.):Der Beckenboden - Funktion, Anpassung und
Therapie, München, 2004, S. 174-182.
4Heller, A.: Schieben - ein natürliches und
schonendes
Gebärverhalten, in:
Die Hebamme, 17, 2004, S. 22-31.
5Tanzberger, R.: Beckenboden und Beckenring in
der Schwangerschaft und unter der Geburt, in:
Tanzberger, R./Kuhn, A./Möbs, G. (Hrsg.): Der
Beckenboden - Funktion, Anpassung und Therapie,
München, 2004, S. 182-19.
6Bloom, S. L. et al.: A randomized trial of
coached
versus uncoached maternal pushing during the
second stage of labor, in: American Journal of
Obstetrics & Gynecology, 194, 2006, S. 10-13.
7Pschyrembel, W.: Praktische Geburtshilfe für
Studierende
und Ärzte, 4. Aufl., Berlin, 1955.
8Martius, G.: Geburt, in: Martius, G. (Hrsg.):
Hebammenlehrbuch,
2. Aufl., Stuttgart, 1971, S. 239-276.
9Mändle, C.: Betreuung und Leitung der regelrechten
Geburt, in: Mändle, C./Opitz-Kreuter, S./Wehling, A. (Hrsg.): Das
Hebammenbuch.
Lehrbuch der praktischen Geburtshilfe, Stuttgart,
2003, S. 236-263.
10Harder, U./Lippens, F.: Geburtsleitung und
Betreuung
der Gebärenden in der Austreibungsperiode,
in: Geist, Ch./Harder, U./Stiefel, A. (Hrsg.):
Hebammenkunde. Lehrbuch für Schwangerschaft,
Geburt, Wochenbett und Beruf, 3. Aufl.,
Stuttgart, 2005, S. 263-273.
11Fraser, D.M./Cooper, M.A.: Myles Textbook
for
Midwives, 14. Aufl., Edinburgh, 2003.