ARCHIV: 5.JG, AUSG. 2/99, APRIL  1999

 

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Schwerpunkt-Thema:
Hebammengeschichte

 

Es war einmal ...

...rund 100 Jahre nach der Kreuzigung des Jesus von Nazareth in Rom

Annemarie Kerschbaumer

In Rom lebte und arbeitete Frau Scribonia. Sie war eine Hebamme, die zum Stand der sogenannten "ehrbaren Hebammen" gehörte. Man nannte diese "Obstetrices" oder "Maia".

Es konnte nicht immer klar unterschieden werden zwischen den sogenannten Arzthebammen und den ehrbaren Hebammen, den Masseusen und den Schönheitskünstlerinnen. Allesamt waren sie aber "feminae sagae" - weise Frauen. Manche hatten ihr Spezialgebiet in den Frauenkrankheiten gefunden, andere betrieben neben der Entbindungsarbeit ein florierendes Kupplerinnen-, Liebestränke- und Abtreibungsgeschäft.

Ihr Aufgabengebiet war umfangreich, ihr Ansehen hoch. Die Wehmütter am kaiserlichen Hof hatten regelrechte Beamtenstellung. Nicht Ärzte, sondern Hebammen stellten gutachterlich vor Gericht Schwangerschaften fest. Es gab eine "Vornehme Hebammenkörperschaft", die Hebammen der römischen Antike waren also teilweise organisiert.

Frau Scribonia war zu einer Geburt gerufen worden. Sie überprüfte ihre Ausrüstung, bevor sie sich mit ihren zwei Gehilfinnen auf den Weg machte. Da gab es Riechmittel, Arzneien, das unentbehrliche Öl. Da gab es Nadeln, Faden, Katheter, Messer, den scharfen Löffel, geburtshilfliche Haken und das dolchartige Embryotom. Und natürlich den Kristallscherben, um die Nabelschnur zu durchtrennen.

Andere Hebammen verwendeten dafür auch Muschelstücke, gegen Scheren und Metallmesser für die Abnabelung hatten sie alle eine Abneigung. Eisen galt als zauberbrechend (auch bei den Ägyptern und Griechen) - es war für magische Zwecke ungeeignet, da es in Zeiten des Ursprungs magischer Praktiken noch nicht existierte.

Die Hebammen beherrschten die Kunst der digitalen Untersuchungen der Gebärenden perfekt. Oft gehörte zu ihrer Ausrüstung auch eine Sonde, um die Tiefe der Scheide, somit das Tiefertreten des Köpfchens, zu messen, und ein Speculum, um bei Bedarf den Muttermund freizulegen.

Der Arzt Soranus, ein Zeitgenosse unserer Frau Scribonia, gilt als Erfinder des Scheidenspiegels. Er wird schon gewusst haben, wieso er sein Buch, den "Hebammenkatechismus" einer Hebamme gewidmet hatte, wohl weil er sein geburtshilfliches Wissen ihr zu verdanken hatte. Z. B. ist darin zu lesen, dass sich ein Absterben der Frucht durch Erschlaffung der Brüste bei starker Milchabsonderung ankündigt. Da er absolut keine praktische geburtshilfliche Erfahrung hatte, musste er sich auf Mitteilungen von Hebammen verlassen haben.

Als Frau Scribonia nun bei der Gebärenden ankam, hatten die Wehen eingesetzt - und beim Hausaltar brannten bereits die Kerzen zu Ehren der Göttinnen Juno Lucina und Diana, jener Göttinnen, die hilfreich den Römerinnen bei der Geburt beistanden.

In einem eigenen Geburtsraum stand neben der Liege der Gebärstuhl - denn nur sehr geschwächte Frauen wurden im Bett entbunden. Limonaden standen bereit und frische Tücher warteten auf ihren Gebrauch. Die Hebamme öffnete der Gebärenden das Haar und wusch sich dann sorgfältig - als Bestandteil des kultischen Zeremoniells zu Beginn ihrer Arbeit - die Hände. Durch Massieren erleichterte sie der Frau ihre Wehenarbeit und hielt sie von zu frühem und von zu heftigem Mitpressen ab.

Als dann die Fruchtblase in der Scheide sichtbar wurde, war Frau Scribonia sehr zufrieden. Das bedeutete nicht nur, dass die Geburt dem Ende zuging, sondern sie auch recht einträglich werden würde. Der Handel mit den sogenannten Glückshauben (Heidenmütze) war ein sehr gutes Nebengeschäft. Dieses kleine Stück Eihaut, das vor dem Kopf des Kindes geboren wurde, stand nämlich in dem Ruf, seinem Besitzer zu überzeugender Beredsamkeit zu verhelfen...

Langsam und kontrolliert ließ die Hebamme das Kindchen herausgleiten, um Verletzungen der Mutter zu verhindern. Dies war zu allen Zeiten und auf der ganzen Welt, je nach Können der Helferinnen, eine übliche und praktizierte Methode.

Nachdem dann das Neugeborene abgenabelt (es wurde erst nach Abgang der Plazenta abgenabelt), gesäubert, gesalbt und in weiche Tücher gewickelt war, musste Frau Scribonia ihm so rasch wie möglich Nahrung zukommen zu lassen. Der römische Vater hatte nämlich das Recht auf Tötung unerwünschter Kinder, allerdings nur solange, als das Kind noch keine Nahrung zu sich genommen hatte.

Überhaupt wurde die Aussetzung und Kindestötung von schwachen und kränklichen und vornehmlich weiblichen Kindern allgemein praktiziert. Dies war allerdings ein Vorrecht des Vaters. Den Frauen war diese Art der "Geburtenkontrolle" bei Todesstrafe verboten! Der Infantizid durch den Vater wurde erst 318 n. Ch. von Kaiser Konstantin dem Großen verboten, dem römischen Kaiser, der 313 n. Ch. auch die Religionsfreiheit in seinem Reich gesetzlich verankerte.

 

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Hebammen und Nationalsozialismus

Ihren folgenden Artikel widmet Annemarie Kerschbaumer jenen Hebammen, die in der Nazi-Zeit den Mut hatten, sich zu widersetzen.
Standespolitik

1933 finden über 80 % der Geburten zu Hause statt. Die Geburtenzahlen sind sehr niedrig. Rund 24 500 versicherte Hebammen arbeiten in Deutschland - für 789 300 Geburten. Das sind im Durchschnitt 32 Geburten pro Jahr pro Hebamme. Der Hebammenstand ist überaltert, seit 1914 gilt die gleiche Gebührenordnung. Die Hebammen leiden wie viele Menschen in dieser Zeit wirtschaftliche Not. Unter diesem Gesichtspunkt ist folgendes Zitat in einer Ansprache auf der damaligen Jahreshauptversammlung der sächsischen Hebammen (auch) zu sehen: "Werfet alle Sorgen auf ihn (gemeint ist Hitler) - er wird euch erretten"...

Ab 1933 werden die freien Gewerkschaften und der Deutsche Hebammenbund verboten, die anderen Hebammenorganisationen werden in der "Reichsfachschaft Deutscher Hebammen" zwangsvereinigt. Diese wird dann 1939 umbenannt in: "Reichshebammenschaft". Die Österreichischen Hebammen gehören seit dem Anschluss 1938 dazu.

Hebamme werden teilweise stark unter Druck gesetzt, Mitglieder der NS-Frauenschaft zu werden. Nur vereinzelt regt sich Widerstand. So wird zum Beispiel die Hebamme Frau Lippert aus Freising/Oberbayern mit der Versetzung nach Posen ("deutsches Bollwerk gegen die Bolschewiken") bedroht, da sie sich widersetzt beizutreten.

Nanna Conti

Verantwortliche für Angelegenheiten des Hebammenwesens in der Nazi-Zeit ist Nanna Conti aus Berlin. Conti ist überzeugte Nationalsozialistin. Ihr ältester Sohn Leonardo, SS-Mitglied, wird 1933 Reichs-Innenminister für das gesamte Gesundheitswesen, ab 1940 Reichsärzteführer. Frau Conti schreibt in der Hebammenzeitschrift von der ... Notwendigkeit zahlenmäßig und wertmäßig genügend Nachwuchses..., von der ...Ausmerzung minderwertiger oder verbrecherischer Erbmasse..., und weiters: ...die staatlichen Richtlinien sollen von den Hebammen durch Gespräche von Mund zu Mund volkstümlich gemacht werden.

1936 bekunden über 1000 "Storchentanten" auf dem Internationalen Hebammenkongress in Berlin begeisterte Zustimmung zur Gesundheitspolitik der Nazis. Nanna Conti irrt schwer in ihrem Vortrag auf diesem Kongress: "Frieden liegt dieser Regierung schon deshalb am Herzen, weil bekanntlich der Krieg den Tod der Besten fordert, er stellt deshalb eine bevölkerungspolitische Negativ-Auslese dar, die nicht im Interesse des deutschen Volkes liegen kann."

Es kommt dann - allerdings viel zu spät - zu einem historischer Beschluss der Hebammen: "Wir beschwören die Nation mit dem Wettrüsten innezuhalten, das dem Tode dient"

1937 arbeiten fast 90 % der Hebammen nur in der freien Praxis, es gibt knapp 90 % Hausgeburten. 1938 wird das neue Reichshebammengesetz in Deutschland erlassen. Es ist (mit Novellierungen) gültig bis 1985, in Österreich bis 1994. Seitdem gilt die Beiziehungspflicht: jede Schwangeren ist verpflichtet, zur Geburt eine Hebamme zu rufen. Für die Nazis ist dies ein weiteres Instrument, jede Gebärende zu kontrollieren, denn nur politisch zuverlässige, nichtjüdische Hebammen sind zugelassen.

Menschenproduktion

Bereits vor dem ersten Weltkrieg sagt ein Dr. Springsfeld in Osnabrück vor Hebammen und Hebammenlehrern folgendes: "Keine Waffe kann für 15 Millionen Reichsmark hergestellt werden, von gleicher Kraft, wie die 400 000 gesunden Preußenkinder, die bald durch Mehrgeburten erwartet werden." Die dann immer noch fehlenden 15 Mill. RM sollten nach seinem Vorschlag durch Besteuerung der Kinderlosen eingebracht werden. Hohe Geburtenziffern sollen langfristig militärische Kapazitäten erhöhen..

Daher gewinnen ab 1933 die deutschen, nach dem Anschluss 1938 auch die österreichischen Hebammen an Prestige.

Die deutsche Regierung befürwortet 1935 per Verordnung die Hausentbindungen. Weiterhin gibt es rund 24 500 Hebammen in Deutschland. Die Geburtenzahl ist aber innerhalb von 2 Jahren um rund 120 000 auf 911 972 Geburten pro Jahr gestiegen. Hebammen gelten in der Nazi-Zeit als "natürliche Verbündete im Kampf gegen den Geburtenrückgang".

Erst- und einmalig in der Geschichte der Hebammen ist, dass sich ein politischer Machtapparat für Kompetenzerweiterung des Berufsstandes und gegen die Monopolisierungsbestrebungen der Ärzte einsetzt. Und selbstverständlich sind die Ärzte nicht damit einverstanden, dass die Regierung die Hausgeburt propagiert.

Zur Eskalation zwischen Gynäkologen und dem Reichsminister des Inneren kommt es 1939: Leonardo Conti begründet die staatlichen Maßnahmen zugunsten der Hausgeburten mit dem zu erwartenden Bedarf an Spitalsbetten für Soldaten. Daher sollen Entbindungen nur mehr bei ärztlicher Notwendigkeit und bei sehr schlechten Wohnungs- und Pflegeverhältnissen im Krankenhaus stattfinden. Die Gynäkologen sprechen empört von "Diffamierung" und L. Conti muss 1940 einlenken: "die Schwangere soll selbst wählen..."

Seit den 30er Jahren werden Hebammen in der "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft" zu "befähigter Führerschicht" ausgebildet. Durch die Umtriebe und Ablehnung der Gynäkologen insbesondere gegen die Hausgeburten ist aber mit 1940 die institutionelle Distanz der Ärzte zu den Hebammen wiederhergestellt.

Als deutlich wird, dass immer noch zu wenig Kinder zur Welt kommen, werden nun auch die ledigen Frauen aufgefordert, schwanger zu werden. Ein Befehl Himmlers 1939 an die SS lautet: "Über die Grenzen und Gewohnheiten sonst nötiger Gesetze und Gewohnheiten wird es auch außerhalb der Ehe für deutsche Frauen und Mädels guten Blutes eine hohe Aufgabe sein können aus tiefstem sittlichen Ernst, Mütter der Kinder ins Feld ziehender Soldaten zu werden" Ab 1935 werden ledige Mütter von Hebammen in "Lebensborn-Heimen" versorgt. Die Kinder kommen meist zu adoptionswilligen Familien.

Die Frauen im Deutschen Reich werden auf Reproduktion reduziert. Die Zeitung "Der Völkische Beobachter" schreibt: Die Frau soll sich dem Mann, die Mutter den Kindern und der Familie widmen, nur unverheiratete Frauen sollen berufstätig sein - dieser Beruf soll der weiblichen Wesensart entsprechen... sonst soll jede Berufstätigkeit dem Mann überlassen sein.

Menschenvernichtung

Man strebt die "Aufnordung der Deutschen" an, die eine "höherwertige, reine Rasse" sind...

Als minderwertig gelten unter anderen: Juden und Behinderte. Zwangssterilisationen werden vorgenommen bei angeborenem Schwachsinn, Blindheit, Taubheit, Fallsucht, schwerem Alkoholismus - später auch bei "moralischem Schwachsinn". In der Uni-Klinik München lehnen es die Nonnen ab, Frauen bei Zwangssterilisation zu betreuen, die Hebammen finden sich jedoch dazu bereit. Immer wieder scheint es aber doch Hebammen zu geben, die sich dagegen wehren, denn man muss in der Hebammenzeitung die Zwangssterilisation immer wieder propagieren. Jede Form der Aufklärung über Verhütungsmittel gilt als Sabotage.

Laut Hebammendienstordnung ist auch eine "vermutete" Abtreibung zu melden. "Beratung" in der Schwangerschaft wird Pflicht - dadurch ergibt sich auch Möglichkeit der Überwachung.

Unerwünschte Kinder im Sinne des NS-Regimes werden abgetrieben: 1935 wird die "eugenetischer Indikation" für den Schwangerschaftsabbruch eingeführt. Zwangsabtreibung werden vorgenommen bei Frauen mit sogenannten "Erbleiden", bei Jüdinnen, bei Prostituierten, bei sowjetischen und polnischen Zwangsarbeiterinnen. Teilweise müssen die Frauen zynischerweise einen "Antrag auf Abbruch" stellen.

Hebammen helfen mit, "unerwünschtes minderwertiges Erbgut aus dem Volkskörper ausscheiden". Sie leisten "Hilfe bei der Ausrottung fremdvölkischer Rassen". Hebammen mussten auch jüdische Frauen vor der Deportation vaginal untersuchen, um versteckte Wertgegenstände zu finden.

In München wird 1935 den Hebammen vorgeschrieben, "bresthafte" Neugeborene "zur Seite zu legen". Eine Hebamme berichtet 1983 in einer Radiosendung über die Nazizeit, dass "jedes bisschen an fehlenden Gliedmaßen einer Meldung bedurfte". In einem geheimer Runderlass wird 1939 bestimmt, dass "interessante Fälle" von missgestalteten Neugeborenen in 30 spezielle Kinderfachabteilungen gebracht werden sollen. Hier wird ge- und behandelt nach der Grundidee: Heilen und Vernichten. "Vernichtet" wird durch Verhungern lassen, Luminal, Morphium. Die Hebammen erhalten 2 Reichsmark pro gemeldetem "interessanten Fall". Einige Hebammen scheinen sich dem zu widersetzen, denn das Innenministerium bemerkt: "...aus einzelnen Bezirken gehen die Meldungen nur spärlich ein."

Fremdarbeiterinnen müssen zur Entbindung in die Frauenkliniken. Wochenbettbesuche und jede andere Fürsorge ist verboten, Bettruhe nach der Entbindung ist untersagt. Die Kinder werden den Müttern weggenommen. Kinder mit arisch anmutendem Äußeren kommen in Lebensborn-Heime, die anderen in Sammellager. Einzige Aufgabe der Hebammen ist das Abstillen.

Krieg

In der Kriegszeit werden die Entbindungsstationen aufs Land verlegt. Die Großstädte werden bombardiert. Die Schwangeren erhalten einen "Einberufungsbefehl". Sie müssen einige Wochen vor dem Geburtstermin in die Entbindungsstationen kommen. Weniger Hebammen können dort mehr Frauen zugleich betreuen.

Andere Hebammen müssen im Krieg teilweise unter fast unerträglichen Beschwernissen arbeiten. Die Vorschrift "Dienstpflicht zu jeder Zeit" wird erlassen. Auch in Bombennächten, unter primitivsten Verhältnissen und Entbehrungen, müssen sie Beistand leisten.

Nach dem 3. Reich

Nach dem Krieg werden die Niederlassungsverordnungen wieder außer Kraft gesetzt. Der Beruf wird wieder zum freien Gewerbe. Der Kampf um Gebührenordnungen, Mindesteinkommen, Altersversorgung, Aus- und Fortbildung beginnt erneut.

Uns steht es heute nicht zu, über jene Hebammen zu urteilen und zu richten, die damals in einem kleinen schmierigen Mann mit bösartigem Größenwahn und unermesslicher Menschenverachtung den Retter aus Armut und Ausweglosigkeit sahen. Wir haben heute die Pflicht, als gesamter Berufsstand - und jede einzelne Hebamme für sich - darauf zu achten, dass sich Ähnliches nicht wiederholt!

 

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