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ARCHIV: 15.JG, AUSG. 1/09, Jänner 2009

Schwerpunkt
:
"
Kaiserschnitt"

 
 
 

 

Unnötige Interventionen vermeiden

Dr.in  Clarissa Schwarz, Hebamme und Gesundheitswissenschaftlerin aus Berlin, hat in ihrer Dissertation auch die aktuellen Kaiserschnittstudien gesichtet. Die Ursachen und die Konsequenzen steigender Sectio-Raten sind vielfältig. Eine systematische Studien-Übersicht ist dringend notwendig, um die langfristigen Folgen beurteilen zu können.


 

Der Trend zu höheren Interventionsraten hat sich in den vergangenen Jahren weiter fortgesetzt. In Niedersachsen stieg insbesondere die Sectio-Rate zwischen 1999 und 2006 weiter von 20,6% auf 29,5%, d.h. um weitere 43% (ZQ 2007b). Die bundesdeutsche Kaiserschnittrate erreichte im Jahr 2006 die 30%-Marke (BQS 2007).
Entsprechend wurde der Anteil der Frauen, die ihr Kind ohne eine der invasiven Interventionen zur Welt brachte, immer kleiner und betrug 1999 schließlich noch 6,7%.
 

Das Beispiel Niedersachsen
Die geburtshilfichen Interventionsraten liegen in Deutschland vergleichsweise hoch. Anhand einer detaillierten Analyse der Daten der niedersächsischen Perinatalerhebung 1984 bis 1999 (mehr als eine Million Fälle) zeigte sich, dass fast alle geburtsmedizinischen Interventionen weiter zugenommen haben. Erstaunlich dabei ist, dass low-risk Schwangere von der Zunahme der Interventionsraten stärker betroffen waren als die Gruppe der RisikoSchwangeren.

 

Wie sich dieser Anteil weiter entwickelt hat, kann aus den veröffentlichten Perinataldaten leider nicht entnommen werden. Die mit vermeidbaren Interventionen verbundenen Kosten – und dies gilt sowohl für finanzielle Kosten, die von der Solidargemeinschaft getragen werden müssen als auch für physische und psychische Folgen für die Schwangeren und ihre Familien – diese Kosten könnten als gerechtfertigt betrachtet werden, wenn sie nachweislich zu größerer Sicherheit und besseren Ergebnissen beitrügen.
Dieser erhoffte Effekt konnte durch die vorliegenden Ergebnisse nicht bestätigt werden, denn es war keine Verbesserung der geburtshilflichen Outcome-Parameter zu verzeichnen. Dies gilt für die perinatale
Mortalität, die seit den 1980er Jahren um 5‰ schwankt und 2006 bei 4,9‰ lag (ZQ 2007a). Es ist anzunehmen, dass die perinatale Mortalität damit einen Wert erreicht hat, der auch durch weitere Bemühungen der Geburtsmedizin und zusätzliche medizinische Maßnamen kaum weiter zu minimieren ist.
Dies gilt für die Apgar-Werte, insbesondere der Anteil der Kinder mit schlechten Apgar-Werten hat sich nicht verringert. Dies gilt für die pH-Werte, die sogar eine -wenn auch geringe – Tendenz zur Verschlechterung zeigen, von der das low-risk Kollektiv stärker betroffen war als das Risiko- Kollektiv. Dies könnte als Hinweis darauf interpretiert werden, dass das Niveau, von dem an die iatrogenen Folgen einer Intervention den damit verbundenen Nutzen übersteigen, bereits überschritten ist. Es bleibt abzuwarten, ob die Entwicklung der kommenden Jahre diese Tendenz bestätigt.

Für die Mehrzahl der gesunden Frauen bedarf es einer Stärkung physiologischer Prozesse und einer Vermeidung unnötiger Interventionen. Dafür braucht es evidenz-basierte Leitlinien und Strukturen, die
salutogene Ansätze fördern, sowie eine Korrektur des finanziellen Anreizsystems.



Nicht nur in Niedersachsen…

Die Sectio-Raten verschiedener Länder sind sehr unterschiedlich – auch in Europa: 2002 lag die Sectio-Rate in den Niederlanden bei 13,5%, in den nordischen Ländern zwischen 16 und 18%, in Frankreich bei 18,6%, in Österreich bei 20,6%, in England bei 22,0%, in Deutschland bei 23,7%, in der Schweiz bei 24,3%. Am höchsten lagen die Werte in Portugal (30,2%) und Italien (36,0%) (European health for all database (HFA-DB) January 2005, WHO Regional Office for Europe, http://data.euro.who.int/hfadb ). Dabei besteht kein Zusammenhang mit der perinatalen Mortalität.

Ab welchem Prozentsatz keine weiteren Verbesserungen des Outcomes mehr zu erwarten sind - was also als optimale Sectio-Rate betrachtet werden kann - ist höchst umstritten. Es ist davon auszugehen, dass die Empfehlung der WHO aus dem Jahr 1986, dass Sectio-Raten nicht über 10-15% steigen sollten, noch immer ihre Gültigkeit hat.

Nach wie vor fehlen entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen, um diese Frage zu beantworten. Allerdings ist offensichtlich, dass höhere Sectio-Raten nicht mit niedrigerer perinataler Mortalität verbunden sind (Baicker 2006). Inwieweit bei low-risk Schwangeren eine primäre Sectio ein erhöhtes Risiko für die Mutter beinhaltet, gilt als derzeit nicht eindeutig beantwortet (Minkoff 2003, Rath 2002),  zumal in der englischsprachigen Literatur häufig nicht zwischen primärer und sekundärer Sectio unterschieden wird. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass es im deutschsprachigen Bereich leicht
zu Missverständnissen kommt, da im Englischen unter „primary cesarean“ der erste Kaiserschnitt bei einer Frau verstanden wird, und mit „secondary cesarean“ eine Re-Sectio bezeichnet wird.

Risiken für die Mütter

Die Häufgkeit mütterlicher Morbidität wird für Kaiserschnitte mit 21,4% (Hager 2004), schwerwiegender Morbidität mit 12% angegeben (Waterstone 2001), wobei die Komplikationsraten bei geplanter Sectio
niedriger liegen als nach sekundärer Sectio (Hager 2004, Koroukian 2004, Waterstone 2001). Ein Cochrane-Review belegt, dass durch prophylaktische Antibiotika-Gabe das Risiko für eine Endometritis um 60%  und für Wundinfektionen um 73% gesenkt werden konnte (Smaill 2002).
Eine peripartale Hysterektomie ist in den USA mit 1-3% relativ häufg (Kacmar 2003). Dagegen gab es in Norwegen, das eine auffallend niedrige Sectio-Rate hat, bei 70.546 Geburten nur 11 Hysterektomien, das entspricht 0,2% (Engelsen 2001).
Frauen nach Kaiserschnitt benötigten mit höherer Wahrscheinlichkeit eine stationäre Wiederaufnahme aufgrund Puerperalinfektion (RR 2,9) und Wundheilungsstörungen (RR 30,2) als nach Spontangeburt (Lydon-Rochelle 2000).
Seit langem ist bekannt, dass die Fertilität nach Sectio geringer ist als nach vaginaler Geburt. Ungeklärt ist, ob durch freiwilligen Verzicht oder als unerwünschte Folge des Eingriffs.

Folgen für das Kind

Aktuelle Untersuchungen bestätigen, dass nicht nur aufgrund von Komplikationen, die zur Sectio-Indikation führen, die kindlichen Outcome-Parameter schlechter ausfallen als nach vaginalen Geburten.  Vor allem nach primärer Sectio ohne Wehentätigkeit kommt es häufiger zu Adaptionsstörungen bei den Neugeborenen. Im Vergleich zu geplanten vaginalen Geburten verdoppelten sich nach geplanten  Kaiserschnitten die Verlegungen auf die Neugeborenen-Intensivstation (von 5,2% auf 9,8%) und die Atemstörungen (von 0,8% auf 1,6%) (Kolas 2006).

Folgeschwangerschaften


Bei Folgeschwangerschaften nach Sectio kommt es häufger zu Uterusrupturen, Plazentaanomalien und -lösungsstörungen. Die Wahrscheinlichkeit für eine Placenta accreta steigt mit der Anzahl der Kaiserschnittgeburten. In den vergangenen 50 Jahren verzehnfachte sich diese schwere Komplikation durch die hohen Sectio-Raten (Minkoff 2003).
Eine neue Studie bestätigt die erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Placenta praevia: nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt war sie um 50% erhöht, nach zweien betrug sie das Doppelte. Eine vorzeitige Plazentalösung ist bei Zustand nach Sectio um 30% häufiger, eine schnelle Folgeschwangerschaft erhöhte das Risiko zusätzlich (Getahun 2006).
Im Jahr 2006 hatte deutschlandweit bereits mehr als jede 10. Schwangere (10,9%) bereits einen Kaiserschnitt hinter sich, und unter den Schwangeren, bei denen ein primärer Kaiserschnitt durchgeführt wurde, war es für jede vierte (24,5%) bereits eine Re-Sectio (BQS 2007).

Frühgeburten

Nach vorangegangenem Kaiserschnitt steigt das Risiko für eine Frühgeburt, hauptsächlich wegen Plazenta-Komplikationen. Selbst für Frühgeborene konnten keine Vorteile einer geplanten Schnittentbindung gefunden werden. Weder das Auftreten von Hirnblutungen noch die Mortalität wurde durch eine primäre Sectio verringert (Paul 2002).
Die Rate bronchopulmonaler Dysplasien war bei Frühgeborenen unter 1500g nach Sectio um mehr als das Vierfache erhöht (16,6% versus 3,8%). Nach heutigem Wissensstand ist selbst für sehr kleine  Frühgeborene unter 1500g eine Indikation zur primären Sectio allein aufgrund des geringen Gestiationsalters nicht zu rechtfertigen (Munz 2005).

Der Beckenboden

Aus der Beobachtung, dass Frauen nach einer vaginalen Geburt kurz- bis mittelfristig einen schwächeren Beckenboden zeigen als Frauen nach einem primären Kaiserschnitt, kann kein langfristiger präventiver Nutzen eines Kaiserschnitts belegt werden. Studien, die den Langzeiteffekt untersuchten, konnten keine signifikanten Unterschiede in Muskelstärke und Urininkontinenz feststellen (Gordon 1985, Jolleys  1988, Nygaard 1997, Viktrup 1992). Zu betonen ist, dass der Nutzen von regelmäßigen Beckenboden-Übungen bei weitem den kurzfristigen Vorteil durch einen Kaiserschnitt überstieg (Berghmans 1998).

Die Hauptursache für den schädigenden Einfluss einer vaginalen Geburt auf den Beckenboden ist möglicherweise nicht die Geburt, sondern das geburtshilfliche Management der Austreibungsphase.

Vor allem Dammschnitt und vaginaloperative Entbindung sind als Risikofaktoren bekannt (Carroli 2000, Eason 2000, Thacker 1983, Viktrup 2001, Woolley 1995), außerdem wird der Beckenboden durch Rückenlage und forciertes Pressen belastet. Frauen nach vaginaler Geburt ohne Dammschnitt haben den kräftigsten Beckenboden (Klein 1994).

Wunsch-Sectio

Bei einer Befragung von britischen Gynäkologen gaben 77% "maternal request" als einen der drei wichtigsten Gründe für die steigenden Sectio-Raten an. Eine neuere Meta-Analyse der Jahre 2000-2005  bestätigte mit Angaben zwischen 0,3% bis 14% die breite Streuung von Kaiserschnitten auf Wunsch, völlig unabhängig von einem medizinischen Risiko und eher durch persönliche und soziale Faktoren  – wie Angst vor der Geburt und fehlende Betreuung – überlagert (McCourt 2007).
Wurden Frauen nach Kaiserschnitt selbst befragt, äußerten nur zwischen 0 und 3% der befragten Frauen einen Wunsch nach Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation. (Declercq 2006, Gamble 2000,
Hellmers 2005, Lutz 2006, Oblasser 2007)

Dagegen gab ein sehr großer Teil der Frauen an, sie seien der Empfehlung ihres Arztes gefolgt, der ihnen den Kaiserschnitt als die sicherste bzw. in ihrem Fall als die einzig sichere Option dargestellt hatte. Die Frauen, die einen Kaiserschnitt bevorzugten, hatten mehr Angst vor der Geburt und waren weniger gut über die Risiken einer Sectio informiert und/oder überschätzten die mit dieser Operation verbundene Sicherheit (Gamble 2001).

In einer schwedischen Studie gaben 8,2% der Frauen in der Frühschwangerschaft an, einen Kaiserschnitt zu bevorzugen. Diese Frauen wiesen insgesamt mehr Depressionen und Ängste auf, nicht nur im Zusammenhang mit der Geburt, wobei hauptsächlich drei Gründe eine Rolle spielten: ein vorangegangener Kaiserschnitt, Angst vor der Geburt sowie ein vorangegangenes negatives Geburtserlebnis (Hildingsson 2002). Ist der Wunsch zur Sectio bei traumatisierten oder psychisch vorerkrankten Frauen durch Ängste - insbesondere vor Kontrollverlust und Schmerz - geprägt, ist dies als psychosomatische Indikation zu betrachten (Schücking 2001: 194). Im Sinne eines gesundheitsfördernden Empowerments sind als Behandlung eher psychosoziale Interventionen geeignet als chirurgische. Außerdem ist aus Public Health Sicht zu bedenken, dass in der Überwindung von Ängsten ein großes gesundheitsförderndes Potenzial liegt, „das man einer Frau nicht vorenthalten sollte“ (Baumgärtner 2006).
Interessant ist auch die europaweite breite Streuung von Gynäkologen, die bereit sind, eine Wunsch-Sectio durchzuführen: Der Anteil ist in Deutschland mit 75% am höchsten, in Spanien (15%), Frankreich
(19%) und den Niederlanden (22%) am geringsten (Habiba 2006).

Zeitpunkt der Aufnahme in den Kreißsaal

Immer mehr Schwangere werden mit unreifem Muttermundsbefund in den Kreißsaal aufgenommen, was die Wahrscheinlichkeit für den Einsatz einer ganzen Reihe geburtsmedizinischer Interventionen
erhöht. So trägt ein praktiziertes Aufnahmemanagement, bei dem im Jahr 2006 bereits mehr als jede zweite Schwangere mit einem unreifen Muttermundsbefund von weniger als 3 cm aufgenommen wurde (BQS und ZQ 2007), zur Steigerung der Interventionsraten bei. Hierbei ist gut zu wissen, dass bei einer Betreuung, die eine zu frühe Aufnahme von low-risk Schwangeren vermeidet, die Outcome-Parameter
vergleichbar, aber die Zufriedenheit der Frauen - nicht nur mit der Betreuung sondern auch mit ihrem Geburtserlebnis - wesentlich höher ist.

Das höhere Alter der Schwangeren

Immer mehr Frauen bekommen ihre Kinder immer später im Leben. Der Anteil der Schwangeren ab 35 Jahre, der sich im beobachteten Zeitraum bereits mehr als verdoppelt hatte, erreichte im Jahr 2006 23,0% (ZQ 2007a). Damit ist nahezu jede vierte Schwangere 35 Jahre oder älter. Hartnäckig hält sich die Meinung, dass ein höheres Lebensalter der Schwangeren als geburtshilfliches Risiko zu betrachten ist. Diese althergebrachte Einstellung ist aber auf die heutige Situation nicht ohne weiteres übertragbar. Die Gruppe der älteren Gebärenden besteht mittlerweile hauptsächlich aus gesunden und gesundheitsbewussten Frauen, deren Lebensplanung sich von der früherer Generationen unterscheidet. Diese Frauen nehmen heute die Versorgungsangebote in besonders großem Umfang in Anspruch, wobei völlig ungesichert ist, ob sie tatsächlich von dieser intensiven geburtsmedizinischen Versorgung proiftieren.
Für die höchste Altersgruppe (40+) ist die Wahrscheinlichkeit für eine primäre Sectio doppelt so hoch wie für die 25-29 Jährigen, während sich die Wahrscheinlichkeit für eine sekundäre Sectio nicht unterscheidet! Wäre nicht eine höhere sekundäre Sectio-Rate zu erwarten, wenn Geburten von Frauen in höherem Alter tatsächlich mit mehr Komplikationen behaftet wären?

Faktoren, die Sectio-Raten  beeinflussen

Mithilfe einer statistischen Analysemethode – der Regressionsanalyse – lässt sich errechnen, welche Faktoren zu welchem Ausmaß dazu beitragen, die Wahrscheinlichkeit für eine Intervention zu erhöhen.
Dies erbrachte interessante Ergebnisse für die Sectio:
Für eine primäre Sectio ergaben sich als die beiden Hauptfaktoren
1. die Kindslage (insbesondere Beckenendlage)
2. „Zustand nach Sectio oder anderen Uterusoperationen“.

Diese beiden Indikationen machten mehr als die Hälfte aller primären Kaiserschnitte aus und tragen damit den allergrößten Teil zur Steigerung der primären Sectio-Rate bei.

Ein wesentlicher Beitrag zur möglichen Senkung der Rate besteht demzufolge im Vermeiden einer geplanten Sectio durch eine angestrebte vaginale Entbindung. Im Falle einer Beckenendlage lässt sich die Wahrscheinlichkeit durch eine äußere Wendung erhöhen. Im Falle einer Re-Sectio besteht eine wesentliche präventive Strategie in der Vermeidung von Erst-Kaiserschnitten - insbesondere bei Erstgebärenden.


Für eine sekundäre Sectio erwiesen sich als die beiden Faktoren mit dem größten Erklärungswert
1. „absolutes oder relatives Missverhältnis“
2. „protrahierte Geburt / Geburtsstillstand in der Eröffnungsperiode“.
Außerdem spielen noch zwei weitere Faktoren eine Rolle: unreifer Muttermundsbefund bei Kreißsaalaufnahme (MM-Weite 0-1cm) und Oxytozin-Gabe.

Die Wahrscheinlichkeit für eine sekundäre Sectio ist demzufolge am wirksamsten durch eine Betreuung zu reduzieren, die geeignet ist, protrahierte Geburtsverläufe während der Eröffnungsphase zu verringern und dabei die Gabe von Oxytozin zu vermeiden. Dies zielt auf eine effektive Betreuung während der Eröffnungsphase - ein zentrales und vor allem äußerst komplexes Thema.

Äußerst bemerkenswert ist, dass nach diesen Ergebnissen das Alter der Schwangeren keinen Erklärungswert für die Wahrscheinlichkeit von primärer oder sekundärer Sectio lieferte. Dies ist eine Bestätigung der Forschungsergebnisse, die besagen, dass es sich – zumindest heutzutage – beim Alter der Frau nicht um einen unabhängigen Risikofaktor für die Geburt handelt. Das Alter kann demzufolge nicht als Begründung für höhere Sectio-Raten ins Feld geführt werden, auch wenn es in der Diskussion häufig zur Legitimation benützt wird.

Das richtige Maß zum richtigen Zeitpunkt

Der Kaiserschnitt ist eine große Operation, mit der Leben gerettet und Gesundheit erhalten werden kann. Dieses mögliche Ziel wird nicht besser erreicht, indem Kaiserschnitte häufiger gemacht werden
als nötig, denn es sind auch erhebliche Risiken für Mutter und Kind damit verbunden. Sollen die Gefahren auf ein Minimum reduziert werden, kommt es einerseits darauf an, unnötige Kaiserschnitte zu  vermeiden, insbesondere bei Erstgebärenden, und dennoch dafür Sorge zu tragen, dass bei der „richtigen“ Frau tatsächlich ein Kaiserschnitt gemacht wird und dies zum „richtigen“ Zeitpunkt. Andererseits
geht es vor allem darum, eine Betreuung zu gewährleisten, die geeignet ist, gesunde und physiologische Prozesse zu erhalten und zu stärken, und die Frauen damit vor vermeidbaren Interventionen zu bewahren.

Clarissa M. Schwarz M.P.H.: Entwicklung
der geburtshilflichen Versorgung – am
Beispiel geburtshilflicher Interventionsraten 1984-1999 in Niedersachsen.
Dissertation an der Fakultät VII – Wirtschaft und
Management der TU Berlin, 2008.
Hier eine gekürzte Zusammenfassung des
Literaturkapitels 3.2.6 Kaiserschnitt und
Auszüge aus den Studienergebnissen
Kapitel 6 bis 11.
Volltext und Literaturverzeichnis unter: http://opus.kobv.de/tuberlin/volltexte/2008/2031.
Eine gekürzte Fassung soll in der Reihe
“Frauengesundheit”, die von B. Schücking
herausgegeben wird, beim Verlag V&R
unipress, Göttingen erscheinen.

 
 

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Trauma durch Kaiserschnitt?

Hebammen können durch einfühlsame Betreuung vor, während und nach der Geburt das Trauma eines Kaiserschnittes mindern. Die Ärztin und Gründerin des Kaiserschnitt-Netzwerks Katrin Mikolitch stellt Ansätze zur psychologischen und ganzheitlichen Begleitung vor.


„Was hast Du denn, Dein Kind ist doch gesund!“, bekommen viele Mütter zu hören, die an den lang anhaltenden psychischen Folgen ihres Kaiserschnittes leiden. 2007 endeten in Österreich 27 Prozent der Geburten mit einem Kaiserschnitt. In Deutschland lag die Quote bei circa 30%. Die Tendenz ist in beiden Ländern steigend. Der Kaiserschnitt gilt dank verfeinerter
Operations- und Narkoseverfahren heute als relativ harmloser Eingriff, birgt aber Risiken und Nebenwirkungen, die weniger physischer als psychischer Natur sind.

 
Verlusterfahrungen

Der Kaiserschnitt stellt aus psychosomatischer Sicht eine Verhinderung des natürlichen Geburtserlebnisses dar. Das aktive Gebären und Erleben der Geburt, das Sehen und Spüren, wie das Kind geboren wird, und die Möglichkeit, das Baby sofort berühren und ungestört annehmen zu können, fehlt. Die damit verbundenen Erfahrungen können Frauen als traumatisch, schmerzlich oder enttäuschend empfinden. Die wachsende Anzahl von Kaiserschnittmüttern, die mit lang anhaltenden psychischen Auswirkungen ihres Kaiserschnittes zu mir in die Praxis kommen, zeigt den großen Therapiebedarf.
Studien wie die von Prof. Petra Kolip, Universität Bremen, bestätigen meine Erfahrungen aus der Praxis. Ein großer Teil der befragten Kaiserschnitt-Mütter antwortete, sie seien nicht genügend über die Folgen des Kaiserschnittes aufgeklärt worden. Nur 50 Prozent der Frauen mit sekundärem Kaiserschnitt fühlten sich in die Entscheidung einbezogen.
Einer der häufigsten Gründe für eine Traumatisierung ist das Gefühl ausgeliefert zu sein, wie die Befragung von Kaiserschnittmüttern belegt. Hilflosigkeit, kombiniert mit dem Gefühl, nicht mehr selber entscheiden zu können, empfinden viele Mütter als traumatisierend.

Definition: Trauma
„Ein Erlebnis wird als traumatisch erfahren, wenn es auf körperlicher, emotionaler oder mentaler Ebene so überwältigend ist, dass es auf einer oder mehreren Ebenen nicht integriert werden kann.“
Dipl. Psychologin Christiane Windhausen


Neben der Operationserfahrung selber können sich unterschiedliche Aspekte einer Geburt traumatisierend auswirken. Schmerzliche Ereignisse können sich schon in der Schwangerschaft oder erst im Wochenbett ereignen. Zu einer Traumatisierung kommt es, wenn das Ereignis die psychischen Belastungsgrenzen des Menschen übersteigt und es nicht adäquat verarbeitet werden kann.

Traumaursachen
• Operative Entbindung/medizinischer Eingriff
• Lebensbedrohliche Schwangerschafts-/Wochenbetterkrankung
• Kontrollverlust/Ausgeliefertsein
• Behandlung durch Klinikpersonal
• Trennung vom Neugeborenen
• Geburt entspricht nicht den Erwartungen

Mögliche psychische Folgen eines Kaiserschnitts

• Nach einem Kaiserschnitt kann das Rollenverständnis als Mutter und Frau gestört sein: „Bin ich eine richtige Frau, wenn ich nicht vaginal gebären kann?“
Aber auch die Enttäuschung der eigenen Vorstellungen – „Ich hatte eine sanfte Geburtshausgeburt geplant”  – oder das Hadern mit dem eigenen Schicksal können zu Versagens- oder Schuldgefühlen führen.
• Durch die minuten- bis tagelange Trennung vom Neugeborenen ist oft der normale Bondingprozess gestört und verlangsamt.
• Kaiserschnittmütter erleben auch Veränderungen der Sexualität oder des Kontakts zum eigenen Körper. Viele berühren ihre Narbe nie, weil sie mit Scham, Ekel oder diffusen Fremdheitsgefühlen besetzt ist. Durch die Berührung der Operationsnarbe oder durch sexuelle Kontakte mit dem Partner könnten unverarbeitete Gefühle wieder auftauchen.
• Ebenfalls berichten Mütter von ihrer Angst vor einer erneuten Schwangerschaft: „Nie wieder möchte ich so etwas Furchtbares erleben.“ Man weiß aus Studien, dass Sectio-Mütter im Vergleich zu vaginal Gebärenden – zumindest in den ersten fünf Jahren nach der Geburt – seltener wieder schwanger werden.
• Posttraumatische Belastungsstörungen sind nach meiner Erfahrung relativ selten. Anhaltende Symptome wie Schlafstörungen, Albträume, Ängste, depressive Verstimmungen oder zwanghaft wiederkehrende Gedanken an das Erlebte können jedoch auf ein größeres Trauma hinweisen und sollten genauer diagnostiziert und traumatherapeutisch behandelt werden.

Den individuellen Heilungsprozess fördern

Wie bei allen Patienten setze ich eine Kombination aus naturheilkundlicher, psychologischer und ganzheitlicher Begleitung ein. Ich nehme mir viel Zeit und schaffe eine Atmosphäre, in der sich die Frau vollkommen angenommen fühlen darf. Alles hat Raum – ob Wut, Trauer, Scham oder Schuld. Dieser scheinbar simple Ansatz ist eine wesentliche Voraussetzung zur Heilung. Unabhängig vom objektiven Verlauf der Geburtsgeschichte geht es nicht um Vergleichen, sondern um das Würdigen der Gefühle und Wahrnehmungen. Auch die Besprechung des angeforderten Geburts- oder OP-Berichtes kann hilfreich sein.
Entsprechend der jeweiligen Vorerfahrungen und der psychischen Grundstruktur ist die Therapie eingebettet in das persönliche Weltbild und erfolgt daher immer individuell.

In einen größeren Zusammenhang stellen

Damit die traumatischen Erlebnisse mental, emotional und körperlich besser integriert werden und heilen können, versuche ich diese gemeinsam mit der Mutter in einen größeren Zusammenhang zu stellen: Was hat der Kaiserschnitt mit der eigenen Geburt oder der eigenen Kindheit zu tun? In der Aufarbeitung der Geburt tauchen dann Zusammenhänge auf, die vorher nicht oder kaum bewusst waren – ein sexueller Missbrauch, eine verdrängte Abtreibung oder die Tatsache, selbst ein Kaiserschnittkind zu sein. Eine weitere Fragestellung ist die nach dem Potential der Kaiserschnitterfahrung. Jede traumatische Erfahrung kann eine große Wachstumschance bieten. Da kann sich aus dem Hadern mit der eigenen Geschichte ein tieferer Sinn für das gesamte Leben entwickeln.

Eine Möglichkeit: Heilpflanzen

Da ich nie nach einem Schema, sondern immer individuell behandle, möchte ich hier nur Beispiele anführen. Insbesondere die Auswahl einer passenden Urtinktur erfordert eine genaue Wesenskenntnis der Heilpflanze sowie der ursächlichen Gründe einer Erkrankung.
In meiner Praxis haben sich die homöopatisch-pflanzlichen Urtinkturen der Firma Ceres bewährt. Sollte die Wesensbeschreibung der Heilpflanze zur Situation z.B. des Traumas passen, könnte die
Geranium robertianum Urtinktur (stinkender Storchenschnabel) helfen. Neben der entgiftenden Wirkung hat sie eine lösende Wirkung auf Schockzustände. Bei langwierigen zehrenden Zuständen könnte man an Glechoma hederacea, die Gundelrebenurtinktur, denken, die den Genesungsprozess sanft unterstützt und neue Lebensenergie vermittelt. Zur psychischen Stabilisierung der Mutter wäre Avena sativa, die Haferurtinktur geeignet, um seelische Drucksituationen und körperliche Erschöpfungszustände aufzufangen.

Weitere Therapien für Mutter und Kind

Lokale Narbenpfege
Ich rate häufg zur Narbenbehandlung. Dazu untersuche ich immer die Narbe – unabhängig, wie lang die Sectio her ist. Diese Kontaktaufnahme mit der ursprünglich verwundeten Region gibt mir viel  Aufschluss über den körperlichen und psychischen Heilungsgrad. Oft kommt erst bei genauem Nachfragen heraus, dass die Betroffene ihre Narbe weder anschaut noch anfasst. Bei unkomplizierten Narben  – die Wunde muss verheilt sein – empfehle ich das Narben-Gel der Firma Wala.
Ebenso gut kann die Mutter ein Öl wählen, das sie als wohltuend empfindet oder noch ihr Dammmassageöl verwenden. Die emotionale Zuwendung und Berührung verstärken den Heilungsprozess. Ist die Operationsnarbe noch frisch, liegen Allergien vor oder heilt die Narbe nicht regelrecht, sollte sich die Frau weiterführend medizinisch beraten lassen.

„Auffällige Kinder“

Die psychischen Auswirkungen einer Kaiserschnittgeburt auf ein Baby können vielfältig sein. Das Kind muss sich mit einer völlig anderen Geburtserfahrung auseinandersetzten als vaginal geborene Kinder. Aus Sicht der peri- und pränatalen Psychologie weiß man, dass das Baby im Mutterleib und während der Geburt ein bewusstes menschliches Wesen ist. Mental können sich die meisten Menschen nicht an ihre Geburt erinnern, aber die Spuren sind im Körperbewusstsein vorhanden und können als Angsterfahrung gespeichert sein. Insbesondere, wenn Babys oder auch ältere Kinder psychologische Auffälligkeiten, Schlaf-, Ess- oder Entwicklungsstörungen zeigen oder an anderen körperlichen Symptomen leiden, kann dies ursächlich mit der Geburtsart zu tun haben. Eine weiterführende Diagnostik und eine integrierende Therapie wie z.B. Bindungsorientierte Körpertherapie, Geburtstraumaarbeit, Craniosacraltherapie oder Ostheopathie können dann hilfreich sein.

Traumaprophylaxe in der Geburtsvorbereitung

Wie genau sollte man im Geburtsvorbereitungskurs das Thema Sectio ansprechen? Die Hebamme möchte keine Angst schüren, aber da rein statistisch fast jede dritte Frau aus einem Kurs betroffen ist, sollte schon im Vorfeld über Abläufe oder Indikationen aufgeklärt werden. Ratsam wäre auch, den Müttern zu empfehlen, sich im jeweiligen Krankenhauses zu informieren: Darf das Kind im OP bei der Mutter bleiben? Wird das frühzeitige Stillen unterstützt? Wie hoch genau ist die Kaiserschnittquote (teilweise bei bis zu 50%)?

Bondingprozesse fördern

Soweit der Zustand des Kindes stabil ist und die Mutter es wünscht, sollte das Neugeborene bei der Mutter bleiben. Für manche Mütter ist es wichtig, außer vom Vater des Kindes auch emotionale Unterstützung durch eine Hebamme zu bekommen. Wenn es der postoperative Zustand erlaubt, sollte man den Eltern nach einem Kaiserschnitt genug Zeit geben, das Baby in Ruhe zu entdecken. Dieses ungestörte ‚Beschnuppern’ wie nach einer vaginalen Geburt hilft sehr, die Mutter-Kind-Bindung zu stärken.
Oft erzählen die Frauen, sie hätten ihr Baby wie ein Geschenk eingepackt bekommen und es erst Tage später zum ersten Mal nackt gesehen. Manche Mütter würden trotz Sectio auch gern ihre Plazenta anschauen: „Nur mein Mann hat meinen Mutterkuchen gesehen – das empfinde ich bis heute als schade.“
Bei einer unvermeidlichen Trennung könnte man der Mutter vorschlagen, einen feinen “goldenen Herzensfaden” zwischen ihr und dem Kind zu visualisieren, unabhängig wo sich das Kind befindet.
Eine Klientin berichtete, sie hätte ihrem Baby auf der Intensivstation in Gedanken Herzchen geschickt. Sie war sich absolut sicher, dass dies das Baby spürte. Durch solch einfache Visualisierungen kann die
Mutter aktiver mit der Trennungssituation umgehen.

Das „Baderitual“

Nach Trennung, bei Still- und Bondingschwierigkeiten, aber auch grundsätzlich nach Kaiserschnitt hat sich das „Baderitual“ der Schweizer Hebamme Brigitte Meissner bewährt. Ich empfehle, dieses Ritual möglichst früh in den ersten Lebenstagen durchzuführen. Es ist aber auch noch Monate später heilsam. Die Mütter leite ich folgendermaßen an: „Nehmen Sie sich genügend Zeit und bereiten Sie Ihr Bett mit Handtüchern und Wärmfaschen vor. Der Raum sollte gut geheizt sein. Baden Sie oder der Vater das Kind und legen es dann nass (!) auf Ihre Brust oder Ihren Bauch und decken Sie sich und ihr Kind gut mit Decken zu. Sprechen Sie mit Ihrem Kind, erklären Sie ihm, warum die Geburt so anders verlaufen ist, und holen Sie gemeinsam das verpasste Erlebnis eines ersten ungestörten Kontaktes mit ihrem Baby nach! Wiederholen Sie das Baderitual mehrfach, wenn Sie das Gefühl haben, Sie oder Ihr Baby brauchen es.
Es kann hilfreich sein, die eigene Hebamme mit dabei zu haben oder das Ritual im Geburtshaus durchzuführen, wenn eine Geburtshausentbindung die Wunschvorstellung war.

Was können Hebammen noch beitragen?

Hebammen können in der Nachbetreuung den Körperkontakt und das Stillen und somit das Bonding fördern. Wenn im Wochenbett ein „offenes Ohr“ angeboten und ein Hinweis auf mögliche psychische
Kaiserschnittfolgen und deren Verarbeitungswege gegeben wird, wäre vielen Müttern geholfen. Meistens stellt sich ein konkreter Beratungsbedarf erst einige Monate nach der Kaiserschnittgeburt ein, wenn das Baby selbstständiger wird oder wenn eine erneute Schwangerschaft anliegt. Teilweise erlebe ich noch viele Jahre nach einer Sectio Tränen wegen der fehlenden Geburtserfahrung. Sollte die betreuende Hebamme an ihre eigenen Beratungsgrenzen kommen, kann sie auf  spezialisierte Beratungsstellen, TraumatherapeutInnen oder Angebote wie das Kaiserschnitt- Netzwerk ( www.kaiser-schnitt-netzwerk.de) hinweisen.

Schlussbemerkung

Durch eine einfühlsame Hebammenbetreuung kann das traumatische Erlebnis für die ganze Familie rund um den Kaiserschnitt gemindert oder sogar vermieden werden. Durch eine individuelle psychologisch-therapeutische Begleitung kann das Trauma heilen und die eigene Geburtsgeschichte auch Jahre nach dem Erlebten stimmig und rund werden.

Adresse der Autorin:
Katrin Mikolitch, Ärztin, Praxis für
ganzheitliche Therapie, Seydlitzstr. 19,
D-40476 Düsseldorf.
Die Autorin gibt Fortbildungen und
Seminare zur Begleitung traumatisierter
Kaiserschnittmütter für Hebammen, bei
genügend Teilnehmerinnen auch vor Ort.
Weitere Informationen für Fachkreise:
www.mikolitch.de;
www.kaiserschnitt-netzwerk.de .

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