WIR KOMMEN NACKT INS LICHT, WIR HABEN KEINE WAHL

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WIR KOMMEN NACKT INS LICHT, WIR HABEN KEINE WAHL.
Das Gebären erzählen, das Geborenwer- den. 150 Szenen aus der Schönen Litera- tur zwischen 1760 und 2011.

Ina Praetorius, Rainer Stöckli (Hg), Appenzeller Verlag Herisau 2011, ISBN 978-3-85882-568-1, ca. € 40,-

Diese Buch ist nicht nur äußerlich schwer gewichtig. Es stellt AutorInnen vor, von Elias Canetti und In- geborg Drewitz, von Carl Zuckmayer und Friedrich Dürrenmatt zu Peter Handke und Ulla Berkéwicz, viele Texte aus der Schweiz – eine unglaubliche Fülle! Fast auf jeder Seite werden wir ZeugInnen eines Dramas, aus dem eine neue Schöpfung hervorbricht, sei es aus der Perspektive des Kindes, auch des Ungeborenen, der Gebärerin, der Heb- amme, des Vaters oder der Umstehenden. Wir blicken in eine ungeordnete, überbordende, erschreckende Unklarheit über das, was ich Geburtskultur nennen möchte. Rai- ner Stöckli, auf dessen Sammlung das Buch zurückgeht, führt in das literatisierte Gebä- ren ein, das „absonderlichste Endschwangerschafts- und Geburts-Verläufe“ ausheckte (S.14). Ina Praetorius ist eine zuverlässige Herausgeberin, eine Philosophin, die das Menschsein bedenkt. Sie verweist auch hier wieder auf die Geburtsvergessenheit: „Die Leistungen der Mütter fürs Fortbestehen der Menschheit ... schloss sie aus der Geschichte, dem öffentlichen Leben aus.“ (S.208) Sie kommt mit vielen Philosophen und mit Lucy Irigaray und Luisa Muraro ins Gespräch. Mit dieser Sammlung von Erzählungen vom Gebären wird die Gender-D batte um dieses Wesentliche bereichert, das im Feminismus oft zu kurz kam: die Schöpfungskraft der Frau.

Das Buch weist darauf hin, dass wir Frauen uns zweierlei nicht entgehen lassen sollten: die Gestaltung der Geburtskultur und den Erkenntnisgewinn über das Menschsein und über den Glauben, den die Zeit von Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt bis zur Stillzeit eröffnet. Damit führen wir, so das Interesse der Herausgebenden, den von Hannah Arendt eingeleiteten Perspektiven- wechsel von der Mortalität zur Natalität weiter.

Hanna Strack